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Jamin-Kolumne: #Staatsräson – ich würde an der Seite der Juden in den Kampf gegen die Hamas ziehen

Auf einen Cappuccino: Die Jamin-Kolumne

©Jamin

Seit die Terroristen der Hamas Israel überfallen haben, muss ich häufiger an den 2006 verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, denken. Ich war mit ihm über etliche Jahre gut bekannt. Wir saßen etwa gemeinsam in einem Gremium des Wirtschaftsministeriums gegen rechte Gewalt in Nordrhein-Westfalen.

Ich habe ihn bei der Organisation einer Tournee der israelischen Oper durch Deutschland anlässlich des 50-jährigen Bestehens Israels unterstützt. Und er war unser Künstleragent, als ich mit meinen verstorbenen Co-Autoren Dieter Thoma (Ex-WDR-Chefredakteur) und Chris Howland (Entertainer, Autor und DJ der Sendung „Musik aus Studio B“) und unseren Witzbüchern auf Lesetournee ging.

Israel ein sicherer Zufluchtsort

Paul Spiegel hatte zu unserem Bestseller „Ganz Deutschland lacht. 50 deutsche Jahre im Spiegel ihrer Witze“ jüdischen Humor beigesteuert – er war ein sehr humorvoller Mensch. Aber wenn es um Israel ging, wurde ihm sehr ernst ums Herz. Er erzählte mir öfter, welche Bedeutung Israel für die Juden hat: „Israel ist unser Zufluchtsort. Was immer auch Juden auf der Welt passiert. Dort sind wir in Sicherheit.“

Das schrieb er auch in dem Buch „Ihr sollt ein Segen sein. Denkanstöße von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kirchen und Politik“, das 2003 anlässlich des ökumenischen Kirchentages herausgegeben wurde. Der in Warendorf geborene und dort als Ehrenbürger geehrte erzählte mir auch, dass Israel – kaum vorstellbar – viel kleiner als Nordrhein-Westfalen sei.

Ein Staat von „Feinden“ umgeben

Die Sicherheit der Juden in Israel ist in diesen Tagen infrage gestellt. Dazu muss man wissen: In Israel leben nur rund 10 Millionen Menschen. In NRW beispielsweise leben rund 18 Millionen Bürger*innen. Mit seinen rund 21.000 Quadratkilometern ist der Staat in etwa so groß wie Hessen, halb so groß wie die Schweiz.

Israel ist ein Staat, der von „Feinden“ und Terroristen umgeben ist. In dem Buchbeitrag schrieb Spiegel unter dem Titel „Wir wünschen uns Frieden für alle“: „Ich hoffe auf Frieden. Nicht nur für die jüdischen Gemeinden in aller Welt, sondern auch für die israelische Bevölkerung – aber auch für ihre Gegner im Nahen Osten“.

70 Kinder und Jugendliche ermordet

Damals, 2003, erinnerte der Zentralratspräsident daran, dass „unsere Glaubensbrüder in Israel wieder gezwungen sind, sich, ihren Glauben und ihren Staat mit Waffen zu verteidigen. Auch wenn es manche nicht erkennen mögen: In Israel kämpfen Juden für den Frieden und letztlich auch für ein friedliches Miteinander der Religionen“.

Spiegel befasste sich in seinem Beitrag auch mit der Situation der Kinder und Jugendlichen in Israel: „Manche haben schon Angst, nur über die Straße zu gehen. Allein zwischen September 2000 und April 2002 wurden in Israel siebzig Jungen und Mädchen im Alter zwischen vier Monaten und 19 Jahren von palästinensischen Terroristen ermordet.“

Spiegel wünschte Frieden für alle

Das Schicksal der Kinder erinnerte Spiegel an seine eigene Kindheit und seine Erfahrungen unter der Naziherrschaft: „Mein Vater und meine Mutter waren von den Nazis verschleppt worden. (…) Ich wurde von einer katholischen Familie in Belgien versteckt und als Neffe aus Deutschland ausgegeben.“

Im letzten Absatz seines Buchbeitrags schrieb Spiegel: „Was fremd ist, kommt einem schnell auch feindlich vor, erst recht, wenn fremdenfeindliche, antisemitische und rechtsradikale Agitatoren diese Unsicherheiten für ihre Ziele nutzen. (…) Wir wünschen uns Frieden. Für uns. Für unsere Kinder. Und für alle Menschen auf dieser Welt.“

Angst vor einem neuen Holocaust

Erst wenn man sich erinnert, was Millionen Juden in Deutschland während des Holocaust erlebt haben, kann man nachvollziehen, warum den Juden ihr Zufluchtsort Israel so wichtig ist und warum jetzt die Existenzangst unter den Israelis so groß ist. Sie fürchten erneut, dass sich die schrecklichen Erfahrungen von damals wiederholen könnten.

Auch wir, die wir erst nach der Nazizeit geboren wurden, sollten uns dieser neuen Gefahren durch die Terroristen der Hamas (und ihrer Unterstützer u.a. im Iran) bewusst sein. Und wir sollten uns verpflichtet fühlen, den Juden in allen Gefahrensituationen beizustehen.

Verpflichtung gegenüber Israel

Die Schuld unserer Mütter und Väter, die Schuld der Nazis und ihrer Mitläufer*innen ist so unendlich groß, so gewaltig, blutig und mörderisch, dass wir uns nie von dieser Blutspur und der damit verbundenen Schuld befreien können.

Politiker nennen die Verpflichtung des deutschen Staates etwas schwer erklärbar: „Staatsräson“. Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat 2008 diese Verpflichtung gegenüber Israel bei einem Staatsbesuch erstmals ausgesprochen.

Verantwortung aller Deutschen

Sie versprach: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“

Gut, dass Bundeskanzler Olaf Scholz dieses Versprechen vor wenigen Tagen bekräftigt hat. Aber wir, das Volk, sollten Klartext sprechen: Deutsche Soldaten sollten im Fall des Falles in Israel den Juden zur Seite stehen.

Was die „Staatsraison“ erfordert

Und nicht nur das: Zur Staatsräson gehört meines Erachtens auch folgendes:

  • Die Juden und ihre Synagogen und Institutionen in Deutschland müssen mit allen Mitteln vor Angriffen geschützt werden.
  • Die Deutschen müssen ihre Solidarität mit den Juden in Deutschland auch auf Kundgebungen zeigen. Prominente aus Kunst, Kultur und Gesellschaft sollten dazu in Offenen Briefen und Interviews stehen.
  • Deutschland sollte Israel anbieten, dass zumindest Kinder und Jugendliche (aber auch Frauen und Männer, die es wünschen) in Deutschland Schutz gewährt wird. Für den Transport sollte die Flugbereitschaft der Bundeswehr eingesetzt werden.
  • Deutschlands Bürger*innen sollten Geflüchteten aus Israel Obdach und vielfältige Unterstützung anbieten. (Um ein Beispiel zu geben: Ich würde meine kleine Wohnung einer Familie mit Kindern anbieten und selbst in eine Jugendherberge in der Nähe ziehen.)
  • Deutschland sollte als Warnung an die Kriegstreiber im Nahen Osten eine Teilbereitschaft der Bundeswehr ausrufen. Signale der Solidarität von Bürger*innen und Staat sind in diesen Tagen besonders wichtig.
  • Ebenso sollte Deutschland mit Kriegsschiffen im Mittelmeer – wie etwa die Amerikaner – seine Bereitschaft zeigen, notfalls auch mit Waffengewalt Israel zu unterstützen.
  • Deutschland sollte eine Friedenskonferenz zur Befreiung der israelischen Geiseln gründen, aus der heraus sich vielleicht eine internationale Schlichtungskommission zur Befriedung des Nahen Ostens entwickeln könnte. Versuche dazu gab es viele, aber wir dürfen die Hoffnung auf einen Frieden nie aufgeben.

Kinder sterben für Hamas

Das sind wir, die nachfolgenden Generationen der Nazis, den Juden und Israel schuldig. Paul Spiegel hat sich stets für die Freiheit und Partnerschaft aller Religionen und vor allem auch für die Existenz des Staates Israel sowie dem friedlichen Miteinander der Juden und Palästinenser im Nahen Osten eingesetzt.

An seinem Vermächtnis können wir uns orientieren. Ich stelle mich, ein ehemaliger Katholik, gerne an die Seite der Juden und Israels. Und wäre ich jünger, ich würde auch mit ihnen zusammen gegen ihre Feinde kämpfen. Eben gegen jene Terroristen der Hamas, die Palästinenser, Kinder wie Erwachsene, als Schutzschilde benutzen und viele in den Tod führen.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino …

Ihr Peter Jamin

 

Peter Jamin (© Michael Seelbach)

Peter Jamin arbeitet als Schriftsteller und Journalist. Er veröffentlichte – neben Kolumnen und Artikeln – mehr als 30 Bücher zu gesellschaftlich relevanten wie unterhaltsamen Themen. Darüber hinaus arbeitete er als Autor und Regisseur von Fernsehdokumentationen und -serien. Etliche Bücher schrieb er als Ghostwriter prominenter Zeitgenossen. Mit seinem Schwerpunktthema „Vermisst“ befasst er sich seit rund 30 Jahren; unterhält auch ein „Vermisstentelefon“ zur Beratung von Angehörigen Verschwundener. Ausgezeichnet wurde Jamins Arbeit u.a. mit dem „GdP-Stern“ der Gewerkschaft der Polizei „in besonderer Würdigung seiner herausragenden journalistischen Leistungen“. Infos zum Autor unter jamin.de.

Bildquellen

  • Peter Jamin: Michael Seelbach
  • Israel ©Jamin: Jamin
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