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Jamin-Kolumne: Stadt der Schande – 1500 Düsseldorfer Promis kämpfen für Disco und schweigen zur Judenverfolgung

Auf einen Cappuccino: Die Jamin-Kolumne

©Jamin / Screenshot Website der Düsseldorfer Jonges

Wir leben in seltsamen Zeiten. In den vergangenen Wochen habe ich in meinen Freitag-Blogs im Wirtschaftsmagazin Business-on und auf meiner Autoren-Website mehrmals über die Judenverfolgung in Deutschland und den Nahost-Krieg geschrieben.

Die Resonanz darauf war nicht sonderlich groß. Am 4. November war ich auf einer Mahnwache vor der Synagoge in meiner Lieblingswohnstadt Düsseldorf – wir waren etwa 600 Menschen.

Nur wenige Hundert Protestler

Wenige Tage später besuchte ich im Schauspielhaus eine Lesung gegen Antisemitismus mit dem Ensemble des Hauses und dem Schauspieler Benno Führmann. Die außergewöhnlich ergreifenden kurzen Geschichten, die gelesen wurden, hörten etwa 300 Besucher.

Am Mahnmal der alten Synagoge auf der Kasernenstraße standen etwa 300 Düsseldorfer vor einer Installation des Lichtkünstlers Micha Kuball. Am 9. November 1938 war die Synagoge in Flammen aufgegangen.

17.000 Palästina- und Hamas-Fans

Schließlich organisierte die Düsseldorfer FDP auf dem Burgplatz eine Gedenkstunde für die Opfer des Massakers durch die Hamas. Etwa 500 Düsseldorfer verharrten in Schweigen rund um die 1400 weißen Kerzen, die dort angezündet worden waren.

Nicht weit davon entfernt demonstrierten 17.000 Palästinenser und ihre Freunde für die Hamas-Terroristen. 1.000 Protestler waren angemeldet – mehr als 17 Mal so viele kamen. Dagegen waren die Teilnehmer aller Düsseldorfer Mahnwachen und Gedenkstunden nur ein kläglicher Haufen.

Promi-Protest am Hausaltar

Ich frage mich seitdem: Wo waren die mehr als 650.000 anderen Düsseldorfer*innen? Sicher, einige waren krank und konnten nicht demonstrieren. Manche prominente Düsseldorfer haben sicherlich zu Hause an ihrem traurig geschmückten Hausaltar gegen Judenverfolgung und Massaker geschwiegen. Manche Neudüsseldorfer unter den Migranten verstanden sicher nicht so viel Deutsch, um den Ernst der Lage zu begreifen.

Viele mussten auch arbeiten. Viele sind noch Kinder und Jugendliche, die die Tragweite der aktuellen Judenverfolgung noch nicht nachvollziehen können. Natürlich wollten etliche Bürgerinnen nicht die Nachrichten von heute und Tagesschau verpassen, und sind deshalb lieber zu Hause geblieben. Man will natürlich informiert sein über die Kriegsgeschehnisse in Israel und auf deutschen Straßen.

Diskussionen der Promis

Einige Düsseldorfer Prominente und ihre Freund*innen werden vielleicht auch in ihrer Stammkneipe gesessen haben. Sie dürften darüber diskutiert haben, was man mit den 17.000 Palästinensern und vor allem mit den Asylsuchenden unter ihnen machen sollte, die in Düsseldorf für die Hamas-Terroristen und den Hunderttausenden Palästinensern, die die Hamas gewählt haben, auf die Straße gegangen sind.

Der Ruf nach sofortiger Ausweisung wurde sicherlich laut, und die Zustimmung zu diesen fast aussichtslosen Forderungen wurde mit jedem Altbier lauter. Auch wurde dann sicherlich von der „Festung Europa“ gesprochen, von Mauern und Stacheldrahtzäunen, die man rund um Deutschland und Europa errichten müsse.

Damals: Promi-Protest für Disco

Nur auf die Idee, an den Protestveranstaltungen und Mahnwachen teilzunehmen, die gegen Judenverfolgung auf deutschen Straßen und dem Angriff der Hamas-Terroristen und ihre Tausenden Raketenangriffe auf Israel von unterschiedlichen Veranstaltern organisiert wurden, kam kaum ein Düsseldorfer.

Ich erinnere mich, dass es schon einmal ganz andere Zeiten gab. Vor genau 25 Jahren veröffentlichten mehr als 1.500 mehr oder weniger prominente Düsseldorfer ganzseitigen Anzeigen in der Rheinischen Post und im Express. Sie empörten sich darüber, dass ein paar vom Disco-Lärm gestörte Anwohner gegen die Lärmbelästigung ihrer Diskothek im Künstlertreff Malkasten erfolgreich klagten.

Nachts Musik wie Lkw-Lärm

Untersuchungen des Ordnungsamtes hatten ergeben, dass nachts um drei und vier Uhr der Lärm aus der Disco so laut war, als würden Lastwagen-Kolonnen in der Mitte der Straße fahren. Zwei Anwohner klagten dagegen vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht und bekamen Recht.

Die Stadtverwaltung – so urteilte das Gericht – sollte endlich ihre eigene Ordnungsverfügung gegen die Diskothek im Malkasten durchsetzen. Das machte die Stadtverwaltung aber nicht, weil der Oberstadtdirektor H. und sein Ordnungsdezernent L. den Anzeigen-Aufruf zur Rettung der Disco und ihres Musiklärms höchstpersönlich mitunterschrieben hatten.

Stadt ignorierte Gerichtsurteil

Die gegen den Lärm klagenden Bürger mussten also erst vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster ihr Recht erstreiten, bis sie endlich ihre Nachtruhe bekamen. Der Präsident des Oberverwaltungsgerichts bescheinigte damals der Düsseldorfer Stadtverwaltung, dass er derartige Ignoranz eines Verwaltungsgerichtsurteils außer in Düsseldorf noch bei keiner Stadtverwaltung erlebt habe.

Wohl gemerkt, ging es damals nur um den Lärm einer Diskothek, für den sich die 1.500 Prominenten und Möchte-gern-Prominenten in ganzseitigen Zeitungsanzeigen ausgesprochen hatten. Da standen 1.500 Namen ganz, ganz klein gedruckt auf zwei Anzeigenseiten! Vermutlich waren damals die beiden Manager aus der Düsseldorfer Stadtverwaltung besonders begeisterungsfähige Disco-Tänzer.

Wo sind Promis gegen Judenhass?

Ich frage mich heute, wie viele Zeitungsseiten müssten eigentlich die Düsseldorfer Prominenten heute in den rheinischen Zeitungen schalten, um gegen die Judenverfolgung in Deutschland zu protestieren und ihre Solidarität mit Israel zu bekunden? Zehn Seiten? 20 Seiten?

Was ist den Prominenten in Düsseldorf wohl wichtiger: Disco-Lärm in der Stadt oder Frieden für Juden und Israel? Ich stelle leider fest, dass den Düsseldorfern der Lärm in einer Diskothek wichtiger ist als die Verfolgung der Juden in Deutschland.

Eine halbe Seite Solidarität

Kein Prominenter von damals hat eine Anzeige mit einer Solidaritätsbekundung in Express oder Rheinischer Post geschaltet. Und auch andere nicht. Beispielsweise die 3.365 „Düsseldorfer Jonges“, an denen (nach eigener, protziger Aussage auf der Website) „keiner vorbeikommt“, kämpfen für den Erhalt von Tausenden Gaslaternen auf den Düsseldorfer Straßen statt gegen die Verfolgung von Tausenden Juden auf Deutschlands Straßen.

In ihrer Selbstdarstellung schreiben die Jonges weiter: „Die ‚Jonges‘ sind für die Stadt Düsseldorf ein maßgeblicher Meinungsfaktor. Ihr Wort hat in der Stadt, in der Landesregierung, in Rathaus und Verwaltung, in Wirtschaft und Kultur Gewicht. Nicht von ungefähr sind der Landtagspräsident, Minister, alle Bürgermeister und die meisten Spitzenleute der Verwaltung Mitglied dieses Heimatvereins“.

Juden gehen ihnen am A… vorbei

Ich bin gespannt, wann sich die „Jonges“ endlich eine Meinung zur Judenverfolgung bilden?! Ich sage es hier mal klar und mit einfachen Worten: Den meisten Düsseldorfer*innen und ihren Prominenten geht Judenverfolgung und Terror-Massaker in Israel am Arsch vorbei!

In letzter Zeit hat in Düsseldorfer Medien das Schauspielhaus mehrmals eine achtelseitige Anzeige zum Thema geschaltet. Die Freundes- und Förderkreise Düsseldorfer Kulturinstitute veröffentlichten in der Rheinischen Post eine halbe Seite.

Was? Sagt? Uns? Das? Alles?

PS:

Ein wenig mehr zur Solidarität mit den Juden in Düsseldorf und Deutschland gibt es in einem TV-Beitrag am heutigen Freitag, 17. November 2023, 19.30 bis 20.00 Uhr, in der Düsseldorfer „Lokalzeit“ des WDR-Fernsehens.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…

Ihr Peter Jamin

Bildquelle: © Jamin / Screenshot Website der Düsseldorfer Jonges

 

Peter Jamin (© Michael Seelbach)

Peter Jamin arbeitet als Schriftsteller und Journalist. Er veröffentlichte – neben Kolumnen und Artikeln – mehr als 30 Bücher zu gesellschaftlich relevanten wie unterhaltsamen Themen. Darüber hinaus arbeitete er als Autor und Regisseur von Fernsehdokumentationen und -serien. Etliche Bücher schrieb er als Ghostwriter prominenter Zeitgenossen. Mit seinem Schwerpunktthema „Vermisst“ befasst er sich seit rund 30 Jahren; unterhält auch ein „Vermisstentelefon“ zur Beratung von Angehörigen Verschwundener. Ausgezeichnet wurde Jamins Arbeit u.a. mit dem „GdP-Stern“ der Gewerkschaft der Polizei „in besonderer Würdigung seiner herausragenden journalistischen Leistungen“. Infos zum Autor unter jamin.de.

Bildquellen

  • Peter Jamin: Michael Seelbach
  • Jonges ©Screenshot Website Duesseldorfer Jonges: Jamin / Screenshot Website Düsseldorfer Jonges
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