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Jamin-Kolumne: Autor*innen aus der Ukraine im Krieg – Mutig sein mit Lyrik aus dem Schützengraben

Auf einen Cappuccino: Die Jamin-Kolumne

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Iryna Tsilyk (Mitte), der Dichter und Radio-Journalist Igor Pomeranzew und die Literaturexpertin und Verlegerin Evgenia Lopata. ©Jamin

In dieser Woche waren drei Autor*innen aus der Ukraine im Heine-Institut in meiner Lieblingswohnstadt Düsseldorf zu Gast. Die Schriftstellerin und Filmemacherin Iryna Tsilyk aus Kiew und der Dichter und Radio-Journalist Igor Pomeranzew aus Düsseldorfs ukrainischer Partnerstadt Czernowitz lasen live aus einer neuen Anthologie „State of War“. Der Schriftsteller Artem Tschech, zur Zeit Soldat im Ukraine-Krieg, war per Zoom aus dem Kriegsgebiet zugeschaltet.

Nach der Lesung von wirklich empfehlenswerten und eindrucksvollen Geschichten wollte ich wissen, was der Krieg mit den Künstlern macht?! Verändert sich die Art und der Rhythmus der Schreibtätigkeit durch Bedrohungen durch Bomben und Raketen? Werden andere Themen als vor dem Krieg wichtig? Verändert sich der Stil der Texte?

Spiegel des Ukraine-Kriegs

Matthias Richter, Historiker und Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Düsseldorf – Czernowitz e.V., sagte am Rande der Veranstaltung, dass „die aktuelle ukrainische Kunst und Literatur natürlich geprägt sind vom Angriffskrieg Russlands, der eine europäische Sprache, eine Kultur und letztlich auch die Menschen zu vernichten sucht“.

„Die bewundernswerte Resilienz des ukrainischen Volkes spiegelt sich aktuell auch im Werk seiner Autorinnen und Autoren, zum Bespiel von Iryna Tsilyk, Artem Tschech, Serhii Zhadan oder dem Heine-Preis-Träger Jurij Andruchowytsch wider, die in eindeutiger Weise für die Werte des Humanismus stehen auch und gerade inmitten des Vernichtungskrieges gegen ihre Heimat. Im Falle von Artem Tschech kommt diese Lyrik“, so Richter, „sogar unmittelbar aus dem Schützengraben bei Bachmut“.

Lyrik aus dem Schützengraben

„Die Brücke zwischen Czernowitz und Düsseldorf leistet einen unersetzbaren Beitrag, nicht nur in der Erinnerungskultur, sondern verstärkt die Rolle des interkulturellen Scharniers, das Czernowitz historisch und aktuell in der deutsch-ukrainischen-jüdischen Literaturgeschichte darstellt“, stellte Matthias Richter fest. Die Zuhörer*innen im Düsseldorfer Heine-Institut, unter ihnen auch viele Ukrainer*innen, erhielten realistische Einblicke in die Arbeits- und Lebenswelt der Autor*innen in Zeiten des Krieges.

„Die Welt ist sehr merkwürdig geworden“, resümierte Iryna Tsilyk, „in unserer Welt gibt es nur noch ein heute und jetzt. Wir können keine Pläne machen, wir können nichts einplanen. Selbst ein Videogespräch per Zoom können wir nicht planen. Es fällt manchmal schwer, den ausländischen Kollegen zu erklären, warum ein Videogespräch nicht möglich war. Etwa weil wir zwei Tage lang keine Elektrizität hatten oder ständig unter Beschuss von Raketen waren“.

Der Krieg ist die neue Realität

Die Folgen dieses ewigen Kriegszustands sind für die Bevölkerung, also auch für die Autor*innen in der Ukraine, bedrückend. Iryna Tsilyk stellt fest: „Es scheint mir manchmal, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wie mein Leben vor dem Krieg ausgesehen hat.“

Für die Schriftstellerin und Filmemacherin ist es deswegen unmöglich „über etwas zu schreiben oder einen Film zu drehen, das nichts mit dem Krieg zu tun hat. Der Krieg wurde zu unserer Realität und dieses Thema greift so tief in unser Leben ein, dass es einfach unmöglich ist dieses Thema zu ignorieren“.

Autor*innen müssen mutig sein

„Der Schriftsteller muss schreiben und er muss die richtigen Worten finden, um die Trauer und die Verluste in diesem Krieg zu beschreiben“, sagt der Dichter Igor Pomeranzew, der nicht nur über den Krieg schreibt, weil die Kunst seiner Erfahrung nach nicht immer auf direktem Weg funktioniert.

Für Iryna Tsilyk muss „ein Autor mutig sein, auch in seiner Beziehung zu seiner Sprache. Er muss neue Wörter finden, er muss beschreiben, was im Lande passiert, denn das ist seine Aufgabe“.

Die Mitwirkenden der Lesung

Für die Moderation und Übersetzung während der Lesung sorgte eindrucksvoll perfekt die Literaturexpertin Evgenia Lopata. Sie ist u.a. Leiterin des Internationalen Lyrikfestivals Meridian Czernowitz sowie des gleichnamigen Verlags. Sie organisiert auch Lesereisen ukrainischer Autoren unter anderem von Serhij Schadan, Oksana Sabuschko und Jurij Andruchowytsch durch Europa, initiiert viele internationale europäisch-ukrainische Kulturprojekte und beschäftigt sich seit Jahren mit der Präsenz ukrainischer Literaten auf internationalen Literaturforen wie der Leipziger-, der Wiener- und der Frankfurter Buchmesse.

Die 1982 in Kyiw geborene Schriftstellerin und Regisseurin Iryna Tsilyk gewann für den Dokumentarfilm »Die Erde ist blau wie eine Orange« den Regiepreis des Sundance Film Festivals 2020. Sie ist Autorin von acht Büchern (Lyrik, Prosa, Kinderbücher), die in der Ukraine veröffentlicht wurden und wurde unter anderem ins Deutsche, Schwedische, Tschechische und Polnische übersetzt. Iryna Tsilyk lebt zusammen mit ihrem Sohn auch in diesen Kriegszeiten in Kiew, während ihr Ehemann, der per Zoom zugeschaltete Schriftsteller Artem Tschech, in den ukrainischen Streitkräften dient.

Schon von Mai 2015 bis Juli 2016 war Artem Tschech Soldat in der ukrainischen Armee. Seit dem 24. Februar 2022 verteidigt er wieder die Grenze der Unabhängigen Ukraine gegen russische Terroristen. Er ist Autor von mehr als zehn Prosa- und Sachbüchern. Einzelne Werke Tschechs sind ins Deutsche, Tschechische, Polnische und Englische übersetzt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem der Mykola-Gogol-Literaturpreis (2018) und der Joseph-Conrad-Literaturpreis (2019).

Igor Pomeranzew, geboren 1948, ist Dichter und Radiojournalist. In den 1970er Jahren hatte er Kontakt zur ukrainischen Bürgerrechtsbewegung und wurde 1978 durch den KGB aus der Sowjetunion ausgewiesen. Deutschland gewährte ihm Asyl. 1979 zog er nach London, wo er bei der BBC seine Karriere als Radioproduzent von Kultur- und Featuresendungen begann und diese beim Radio Liberty in London, München und anschließend in Prag bis heute fortsetzt. Sein Buch „Czernowitz. In-Ex-Terieur“ (2023) mit Essays, Prosa und Lyrik ist in deutscher Sprache veröffentlicht.

Im Mittelpunkt des Gesprächs und der Lesung stand die jüngst in englisch und ukrainisch veröffentlichte Ausgabe des Buches „State of War“ (erschienen im Meridian Czernowitz Verlag, 2023), Herausgeber*innen sind Evgenia Lopata und Andrij Lju. In diesem Essayband finden sich 35 Texte von bekannten Autorinnen und Autoren der Ukraine, u.a. von den an diesem Abend beteiligten Literaten. Jeder dieser Texte befasst sich mit der harten Wirklichkeit des Krieges. Das Vorwort zur Anthologie hat der Oberkommandierende der Streitkräfte der Ukraine Walerij Saluschnyj geschrieben.

Die Lesung fand im Rahmen des Projektes „Verstärkung des Klanges ukrainischer Stimmen in Europa“ der internationalen Literaturkorporation „Meridian Czernowitz“ in Kooperation mit dem Verein zu Förderung der Städtepartnerschaft Düsseldorf Czernowitz. e.V. statt. Die Veranstaltung wurde durch das Prague Civil Society Centre gefördert.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…

Ihr Peter Jamin

Bildquelle: ©Jamin

 

Peter Jamin (© Michael Seelbach)

Peter Jamin arbeitet als Schriftsteller und Journalist. Er veröffentlichte – neben Kolumnen und Artikeln – mehr als 30 Bücher zu gesellschaftlich relevanten wie unterhaltsamen Themen. Darüber hinaus arbeitete er als Autor und Regisseur von Fernsehdokumentationen und -serien. Etliche Bücher schrieb er als Ghostwriter prominenter Zeitgenossen. Mit seinem Schwerpunktthema „Vermisst“ befasst er sich seit rund 30 Jahren; unterhält auch ein „Vermisstentelefon“ zur Beratung von Angehörigen Verschwundener. Ausgezeichnet wurde Jamins Arbeit u.a. mit dem „GdP-Stern“ der Gewerkschaft der Polizei „in besonderer Würdigung seiner herausragenden journalistischen Leistungen“. Infos zum Autor unter jamin.de.

Bildquellen

  • Peter Jamin: Michael Seelbach
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