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Russische Öl- und Gasaktien boomen, aber wie lange noch?

Der Ölpreis klettert auf neues 7-Jahreshoch. Russische Öl- und Gasaktien gehen durch die Decke. Gazprom bleibt ein Politikum. Die Moskauer Börse kann klar outperformen. Inflation bleibt ein Thema – auch für die Notenbanken. Gold ist trotz Inflation wenig gefragt. Der Bitcoin erreicht fast ein neues Allzeithoch. Osteuropa-Börsenexperte Andreas Männicke gibt einen Überblick.

Ölpreise auf neuem Jahreshoch

Die Öl und Gaspreise gingen in den vergangenen Wochen durch die Decke, was nun sogar ein Gesprächsthema für die nächste Regierungs-Koalition wird. Die Bevölkerung wird durch die steigende Inflation erheblich belastet. Der Brentölpreis stieg am 15. Oktober 2021 auf ein neues Jahreshoch von 85 US-Dollar/Barrel und der WTI-Ölpreis auf 82 US-Dollar/Barrel. Dies bedeutet eine Preisverdoppelung in einem Jahr und nun sogar auch ein neues 7-Jahreshoch. Im Tief lag der WTI-Preis im April 2020 bei etwa 20 US-Dollar/Barrel, so dass er sich seitdem bereits vervierfacht hat. Durch die hohen Energiepreise wird auch die Inflation weiter angeheizt, die in den USA schon auf über 5 Prozent und in Europa auf über 4 Prozent gestiegen ist. Die Notenbanken werden dennoch die Zinsen niedrig lassen, weil sie die Inflation nach wie vor nur als temporäres Problem betrachten.

Quo vadis Ölpreis?

Es ist schwer zu prognostizieren, ob der Ölboom bis Jahresende anhält. Erinnert sei an den Oktober 2018 als der Ölpreis bei 85 US-Dollar/Barrel lag, um dann bis Jahresende wegen des neu entbrannten Handelskonflikts zwischen den USA und China auf 50 US-Dollar/Barrel einzubrechen. In den USA wurde schon diskutiert, die strategischen Ölreserven, die für Notfälle gedacht sind, freizugeben, was später aber dementiert wurde. Im Moment gibt es aufgrund der starken Konjunkturerholung noch einen Nachfrageüberhang. Der Ölmarkt ist gegenwärtig nach Angaben der Internationalen Energie Agentur (IEA) mit circa1 Million Barrel am Tag unterversorgt. Im September 2021 produzierte die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) 27,2 Millionen Barrel Öl. Russland weitet die Ölproduktion nach Absprache der Opec nur um 1 Prozent monatlich aus, könnte aber viel mehr Öl produzieren. Und auch Finanzinvestoren sorgen über die Terminmärkte für eine Überreaktion durch reine Spekulation auf steigende Öl- und Gaspreise. So haben sich die Netto-Long-Positionen an den Terminmärkten bereits deutlich erhöht.

Wann starten die Notenbanken mit dem „Tapering“?

Auch hier stellt sich die Frage, ob der Konjunkturaufschwung im nächsten Jahr anhält. Gefährlich wird es für alle Rohstoffe, wenn der Dollar zu stark wird und wenn die Notenbanken mit einer Verringerung der Liquiditätszufuhr, neudeutsch „Tapering“ starten. Unklar ist außerdem, wann der momentane Nachfrageüberhang beendet ist. Wichtig dafür sind die nächsten Opec-Entscheidungen, aber auch wie viel Fracking-Öl in den USA jetzt zusätzlich auf den Markt kommt. Auch könnte ein Ausfall von Lieferketten zu einem Konjunktureinbruch führen. Zu beobachten ist auch, ob nun die Immobilienblase in China aufgrund der Fast-Insolvenz des chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande platzt.

Gazprom bleibt ein „Politikum“

Profitiert haben von den stark gestiegenen Öl- und Gaspreisen vor allem die russischen Öl- und Gasunternehmen, die zudem zu sehr niedrigen Kosten produzieren können. So verdoppelte sich der Kurs der Gazpromaktie in diesem Jahr bereits. Es werden im dritten Quartal neue Rekordgewinne erwartet, nachdem schon im zweiten Quartal ein Nettogewinn von 7 Milliarden US-Dollar erzielt werden konnte. Noch unklar ist es, wann die nun fertiggestellte Nordische Pipeline in Betrieb genommen wird, weil die politische und technische Zertifizierung lange dauern kann. Vor allem die Grünen sind gegen eine Inbetriebnahme der Nordischen Pipeline, aber auch viele Politiker in der EU. Gazprom bleibt daher ein „Politikum“.

Russische „Red Chips“ schlagen westliche „Blue Chips“

Die Kurse von Lukoil und Rosneft konnten kräftig zulegen. Rosneft ist der größte Ölproduzent der Welt zusammen mit Saudi Aramco. Dennoch sind die Aktien der russischen „Red Chips“ im Vergleich zu den westlichen Blue Chips wie BP, Shell, Exxon Mobil und Chevron deutlich unterbewertet und sie zahlen wesentlich höhere Dividenden. So ist die Dividendenrendite bei Gazprom und Lukoil trotz der starken Kurssteigerung immer noch zweitstellig. Dennoch legen die meisten westliche Anleger immer wieder nur in westliche Blue Chips, weil sie von den Medien und Bankberatern nicht hinreichend informiert werden. Auch in Börsenmagazinen und in weiteren Medien werden die Osteuropabörsen immer noch sehr stiefmütterlich behandelt. Für Abhilfe sorgt hier der monatlich erscheinende Börsenbrief „East Stock Trends“, der regelmäßig sehr ausführlich auch über die Chancen und Risiken der russischen Öl- und Gasaktien berichtet.

Westliche Öl-Juniors sind jetzt auf einmal wieder gefragt

Interessant sind jetzt aber kleinere Small und Mid Caps im Öl- und Gassektor, auch Öl-Juniors genannt, wie der kanadische Ölproduzent. Saturn Oil & Gas, dessen Kurs seit Juli 2021 nach einer lukrativen Übernahme bereits um 81 Prozent von 1,6 auf 2,9 Euro anstieg. Öl- und Gasaktien waren zuvor in der ersten Jahreshälfte auch wegen des Themas Klimawandels wenig nachgefragt und wenig beliebt. Dabei setzt auch die neue deutsche „Ampel-Regierung“, sollte sie denn zustande kommen, zumindest als Übergangstechnologie jetzt vor allem auf Gaskraftwerke. Wer aber trotz der schlechten Stimmung als Anleger zum Jahresbeginn den Mut hatte, antizyklisch vorzugehen und auch russische Öl- und Gasaktien ins Depot zu nehmen, wurde jetzt fürstlich belohnt. Zuweilen braucht man etwas Geduld an der Börse, was sich dann aber auch auszahlt.

Viele Branchen profitieren von Öl- und Gaspreisanstieg in Russland

Die Moskauer Börse hat sehr viel mehr zu bieten als nur Rohstoffaktien. So konnten zuletzt auch Bankaktien wie die Sberbank oder die VTB Bank, die den Öl- und Gassektor mit hohen Krediten versorgen, von den steigenden Ölpreisen profitieren. Auch einige russische Konsumaktien wie Magnit stiegen zuletzt weiter an. Weniger nachgefragt waren hingegen die russischen Goldaktien, da der Goldpreis nur seitwärts tendierte und am 15. Oktober 2021 sogar um 1,37 Prozent auf 1.769 US-Dollar die Unze nachgab. Es scheinen jetzt immer mehr Anleger von Gold in Bitcoin und andere Kryptowährungen umzuschichten, weil dort spekulativ mehr Geld zu verdienen ist.

Bitcoin mit neuem Allzeithoch

Viele Russen spekulieren auch sehr gern auf den Bitcoin (BTC) der es am Freitag, 15. Oktober, schon wieder fast ein neues Allzeithoch schaffte mit einem Kurs von über 61.000 BTC/USD. Zum Jahresbeginn war er noch bei 30.000 BTC/USD. Am Freitag stieg der Bitcoin um über 7 Prozent in US-Dollar und damit in einem Jahr um über 400 Prozent. In 5 Jahren konnte man mit Bitcoin sogar einen Gewinn von fast 10.000 Prozent erzielen.

Moskauer Börse als klarer Outperformer 2019 und 2021

Da die russischen „Red Chips“ wie Gazprom, Lukoil, Rosneft und Surgutneftegas sehr hoch in den russischen Indices gewichtet sind, stiegen auch die Indices wie der RTS- Index in US-Dollar oder der RDX-Index in Euro kräftig an. Der RTS Index stieg in US-Dollar bis 15. Oktober auf das neuen Jahreshoch von 1.891 Indexpunkte, was ein Kursplus von 32 Prozent seit Jahresbeginn bedeutet. Der RDX-Index schaffte in Euro sogar ein Plus von 53 Prozent. Der deutsche Leitindex Dax erzielte in diesem Jahr hingen „nur ein Plus von 13,55 Prozent und der amerikanische S&P-Index ein Plus von 20,67 Prozent. Die Moskauer Börse bleibt damit – wie schon im Jahr 2019 – ein klarer Outperformer zum Dax.

12 Osteuropabörsen als Outperformer

Auch zwölf andere Osteuropabörsen konnten den Dax in diesem Jahr deutlich outperformen. So erzielt der KTX-Index für Aktien aus Kasachstan sogar ein Plus von 86 Prozent. Hier konnte sich der Kurs von dem größten Uranproduzenten der Welt Kazatomprom bereits mehr als verdoppeln. Auch Uranaktien gingen ebenso wie Öl- und Gasaktien zuletzt durch die Decke. Aber auch der CECE-Index (mit Polen, Ungarn und Tschechien im Boot), konnte mit einem Plus von 27 Prozent den Dax und den S&P-Index klar outperformen. Ein Grund mehr, sich jetzt intensiver mit den Aktien aus Osteuropa zu beschäftigen, um zumindest bei der möglichen Jahresendrallye dabei zu seit. Wie sagte der Ex- sowjetische Präsident Gorbatschow so schön: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben …!“

— Andreas Männicke —

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ZUM AUTOR

Andreas Männicke ist Journalist, Buchautor, Verleger, Börsen-Experte und Berater (mit Spezialisierung auf Osteuropa) – bekannt aus TV- und Radio-Sendungen wie N-TV, N24, DAF, Bloomberg, Deutsche Welle. Mehr Information: www.andreas-maennicke.de und www.eaststock.de.

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