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Kolumne „Kann passieren …“ – Becher im Schrank

Es gibt Menschen, die sich gut von Dingen trennen können, und solche wie unseren Autor Andreas Ballnus. Er sagt von sich selbst, dass er höllisch aufpassen muss, nicht sofort eine Sammlung aufzumachen, wenn er mehr als drei Exemplare von einer Sache hat. Das würde insgesamt auch schwierig werden, da er in einer kleinen 40-Quadratmeter-Wohnung wohnt. Doch es gibt auch Dinge, die fliegen ihm einfach so zu, ohne dass er sie wirklich sammelt – wie zum Beispiel Becher.

Becher im Schrank. Foto: Andreas Ballnus

Ich habe längst nicht mehr alle Becher im Schrank. Es wurden einfach zu viele. Und daher musste ich mal wieder aussortieren. Diesmal war unter anderem auch der große Schneemann-Becher dran. Eigentlich entsprach er von vornherein nicht so ganz meinem Geschmack, doch er war mein einziger mit Übergröße. Neben ihm sollte auch der Sylt-Becher – ein Urlaubsmitbringsel meiner Mutter – und der Rosen-Becher, den mir mal eine ehemalige Kollegin zum Abschied geschenkt hatte, das Bord in meinem Küchenschrank verlassen. Bei dem Sylt-Becher bin ich mir allerdings inzwischen nicht mehr ganz so sicher – meine Mutter ist vor zwei Jahren verstorben, und daher tue ich mich doch noch etwas schwer damit, ihn aus meinem Becherbestand zu entfernen.

Den kleinen Schneemann-Becher lasse ich dagegen noch stehen. Sein schwarzer Zylinder ist gleichzeitig ein Deckel. Finde ich witzig – benutzt habe ich ihn aber noch nie. Er wird vermutlich das nächste Mal beim Ausmisten gehen müssen.

Schon seit Jahren sammeln sich immer mehr ausrangierte Becher in einem Karton in meinem Keller an. Ich weiß noch nicht, was ich mit ihnen machen werde. In meinem Alter gibt es im Freundes- und Bekanntenkreis kaum noch jemanden, der in absehbarer Zeit heiraten wird, und wo ich beim Polterabend … Nein, dazu fände ich die Becher dann doch zu schade.

Ich räume ja ein, dass ich dazu neige, Dinge zu horten. Mir ist das durchaus bewusst, und meine Bemühungen, dagegen anzukämpfen, sind inzwischen meistens erfolgreich. So nutze ich zum Beispiel allmählich meine Streichhölzer auf – vermutlich werde ich nie wieder in meinem Leben welche kaufen müssen.

Becher waren aber nie das Objekt meiner Sammelleidenschaft. Die meisten von ihnen bekam ich geschenkt. Sicherlich, einige davon waren sogenannte „Verlegenheitsgeschenke“. Man wusste, ich trinke gerne Tee (inzwischen bin ich allerdings auf Kaffee umgestiegen), und da war es dann natürlich das Nächste, mir einen Becher zu schenken. Häufig befanden sich in ihnen dann auch noch eine Packung mit Kandis oder ein ganz besonderer Tee.

Viele Becher erhielt ich natürlich zum Geburtstag oder zu Weihnachten – ganz oft mit meinem Sternzeichen als Motiv. Den bisher letzten dieser Art schenkte mir meine Schwester. Ein wirklich schönes und besonders designtes Exemplar einer bekannten Manufaktur. Der wird definitiv nicht aussortiert. Er hat vielmehr das Potenzial, einer der Becher zu werden, die ich regelmäßig nutze. Doch irgendwann muss ich auch einige der anderen Sternzeichen-Bechern aus dem Schrank entfernen – so viele potenzielle Gäste, die im Zeichen des Stieres geboren wurden, habe ich nicht. Und beispielsweise einem Schützen einen Becher mit Stier-Sternzeichen-Motiv hinzustellen, geht ja nun gar nicht. Ein bisschen Wert auf Stil lege ich schon.

Jetzt muss ich aber auch gleich höllisch aufpassen. Da stupst mich nämlich sofort der höchst interessante Gedanken an, mir für jedes Sternzeichen ein oder zwei Becher anzuschaffen. Ich sage nur: Achtung Sammleralarm!

Mit fast allen meinen Bechern verbinde ich bestimmte Erinnerungen. So bekam ich den ersten von einer befreundeten Kommilitonin – natürlich mit Sternzeichen-Motiv (Stier – sie war übrigens auch einer); zum Einzug in meine Wohnung erhielt ich ein Becherpaar – einer außen schwarz und innen grau, der andere genau umgekehrt, letzterer wurde dann mein erster „Büro-Becher“; auch von einem Klienten erhielt ich einen Becher als Dank für meinen Einsatz für ihn; zwei sehr schöne Exemplare schenkte mir eine liebe Freundin (zusammen mit einem Entspannungs-Tee, als ich gerade privat und beruflich sehr viel Stress hatte); und einen erhielt ich als Werbegeschenk von einem Restaurant in Stuttgart, wo ich mir bei schönstem Wetter im Außenbereich einen Kaffee gegönnt hatte. Dann ist da noch der Becher, den ich als ersten Preis bei einem Limerick-Wettbewerb gewonnen habe – inklusive meines Sieger-Limericks als Aufdruck.

Einige Becher stehen inzwischen in meinem Büro. Da ist zum Beispiel dieses große Teil in einem rosa Farbton, der sehr an meiner Farb-Schmerzgrenze schabt. Ich bekam ihn von einem langjährigen Kollegen zum Geburtstag geschenkt. Der Becher hat auf der Vorderseite ein Gesicht mit einer herausmodellierten Nase – es ist ein sehr grimmig dreinschauendes Gesicht. In der Innenwand des Bechers steht „Bitte nicht stören“. – Ich glaube, ich habe noch nicht erwähnt, dass ich ein Morgenmuffel bin …

Auch jenes Exemplar mit Highheel-Motiv, das am Ende eines kollegialen Schrottwichtelns bei mir hängen blieb, habe ich im Büro stehen. In ihm serviere ich vor allem Hospitantinnen den Kaffee oder Tee. Okay, vorher frage ich sie, ob sie den oder doch lieber einen anderen Becher haben wollen. Bisher hat ihn aber noch keine von ihnen abgelehnt.

Soweit ich mich erinnere, gibt es nur zwei Becher, die ich mir selber gekauft habe. Den einen sah ich auf einer Ausstellung. Das Motiv war Donald Duck als Che Guevara – ein tolles Stück. Den anderen hatte ich ursprünglich für einen Kollegen als Geburtstagsgeschenk gekauft. Mir war aufgefallen, dass er – im Gegensatz zu uns anderen – in den Pausen keinen eigenen Becher hatte, sondern sich stets einen der „Gästebecher“ aus dem Schrank nahm. Doch dann gefiel mir das Stück so gut, dass ich ihn nicht mehr verschenken mochte. Ich habe dem Kollegen dann einen anderen Becher geschenkt, da der eigentlich für ihn gedachte inzwischen ausverkauft war. Später fiel mir ein, ich hätte ihm auch einen von meinen bereits aussortierten schenken können …

In ein oder zwei Jahren werde ich wohl wieder ein paar Becher in den Keller bringen müssen. Dann wäre es wohl langsam an der Zeit, mir mal einen Überblick zu verschaffen, wie viele dort inzwischen schon in Zeitungspapier verpackt ihr Dasein fristen. Vielleicht sollte ich einige von ihnen auf dem Flohmarkt verkaufen, einem Sozialkaufhaus spenden oder sonst irgendwem schenken.

Doch dann erinnere ich mich wieder an die Geschichten und Begebenheiten, die es zu den meisten von ihnen gibt. Und schon bekomme ich es nicht übers Herz, sie wegzugeben. – Vielleicht sollte ich doch damit anfangen, Becher zu sammeln.

–Andreas Ballnus —

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ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor.  Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

Bildquellen

  • Andreas Ballnus: Sebastian Lindau
  • Becher im Schrank: Andreas Ballnus
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Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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