Werden russische Aktien jetzt wertlos?
Nach gut einem Jahr haben viele Halter von russischen ADR, also den Hinterlegungszertifikaten von russischen Aktien bei US-Verwahrstellen, die im Ausland an der New Yorker oder Londoner Börse handelbar waren, die Hoffnung gehabt, jetzt einen Teil ihres Geldes wieder zubekommen. Bisher ist dies aber noch nicht der Fall. Es gab zwar die Möglichkeit, bei einzelnen Brokern einige ADR in Originalaktien umzutauschen, aber anfangen können die Anleger bisher damit auch nichts, da der Handel von Ausländern an der Moskauer Börse gänzlich untersagt ist.
Jetzt zumindest die hohen Dividenden von russischen Aktien sichern
Aber immerhin wurden zum Teil Dividenden gezahlt und konnten zum Teil sogar zu Bargeld gemacht werden wie bei Gazprom und Lukoil. Wer die ADR noch nicht in Originalaktien umgetauscht hat, hat rein formal auch noch nach drei Jahren das Recht, die Dividenden zu erhalten. Wer aber ADR in Originalaktien umgetauscht hat, muss zusätzlich ein C-Konto auf Rubelbasis in Russland aufmachen, um die Dividenden gutgeschrieben zu bekommen, Die Broker Zerich Securities Ltd und Freedom Finance Europe Ltd, beide mit Sitz in Zypern, sowie einige deutsche Anwälte mit direkten Russlandkontakten können Anlegern dabei helfen, diese C-Konten wie bei der Raiffeisenbank International in Moskau oder der Citibank Moskau zu eröffnen, was aber ein langwieriger und bürokratischer Prozess ist.
Kauf und Verkauf von russischen Aktien mit Discount zum Teil möglich
Es könnten sich jetzt aber auch neue Möglichkeiten auftun, wenn die Bücher von JP Morgan & Co wieder geöffnet werden. Zudem wird es Möglichkeiten geben, die Originalaktien zu einem Discount zu verkaufen. Es gibt eine Reihe von ADR die jetzt noch über Euroclear – nicht aber über Clearstream – noch übertragbar sind und auch bei Zerich Securities mit Discount verkauft werden können.
Wer seine ADR oder auch russischen Eurobonds bei Zerich Securities verkaufen (oder auch kaufen) möchte, muss dort vorher ein Konto eröffnen. Anleger können dort auch an IPOs in den USA und Deutschland teilnehmen wie zuletzt bei Porsche und neuerdings sogar auch bei Pre-IPOs wie jetzt an dem Blockchaine-Softwareunternehmen ConsenSys. An OpenAI mit der genialen Software ChatGPT mittels KI lässt sich erahnen, wie die Marktbewertungen auch schon vorbörslich bei guten Softwareprodukten anspringen können.
Delisting von russischen Aktien an der Nasdaq geplant
Einige russische Gesellschaften wie Yandex, Ozon Holding, Qiwi und Headhunter Group wurden am 24. März von der Nasdaq gänzlich ausgelistet, nachdem der Handel seit März letzten Jahres ausgesetzt wurde. Die jeweiligen Gesellschaften sind zwar in Berufung gegangen und haben Protest eingelegt, aber das wird wohl erfolglos bleiben. Auch haben US-Verwahrstellen wie JP Morgan die Bücher im Moment geschlossen, so dass keine Übertragung möglich ist. Die letzten Übertragungs- und Umtauschmöglichkeiten gab es bis zum 31. März 2023. Das kann sich aber auch wieder ändern und es könnte ein neues Zeitfenster wieder geben bis August 2023, wenn die Bücher wieder geöffnet werden.
Neue Chancen in Kasachstan nutzen
Es tun sich aber auch neue Chancen in Kasachstan aus, wobei Freedom Broker neuerdings einen direkten Marktzugang zu Kasachstan eröffnet. Aktien aus Kasachstan bieten jetzt eine gute Alternative zu Aktien aus Russland, die nach wie vor nicht handelbar sind. Interessante Aktien aus Kasachstan sind neben den Banken Kaspi.kz und Halyk Savings Bank auch der Ölproduzent Kazmuniagas und der Uranproduzent Kazatomprom.
Weltbörsen nach der Bankenkrise kräftig erholt – Tech-Aktien wieder gefragt
Nach der Korrektur infolge der Bankenkrise im März erholten sich die Aktienbörsen weltweit schon wieder, auch in Osteuropa. Der deutsche Leitindex Dax erreichte temporär sogar in den letzten Wochen ein neues Jahreshoch und ist nun wieder mit 11 Prozent im Plus. Auch die Aktien an der Wall Street konnten sich kräftig seit Mitte März erholen, wobei vor allem Tech-Aktien wieder gefragt waren. So stieg der Nasdaq Composite Index seit Jahresbeginn schon um 16 Prozent auf über 12.000 Indexpunkte an. Gespannt sein darf man, ob die US-Notenbank Fed am 3. Mai die Zinsen weiter erhöhen wird, was dann aber wieder schlecht für Banken und Anleihenkurse wäre.
Öl, Gold, Silber und Kryptowährungen mit starken Kurssprüngen nach oben
Deutlich zulegen konnten in der letzten Woche auch Ölaktien, nachdem Opec (die Organisation erdölexportierender Länder) und Russland weitere Produktionskürzungen beschlossen. Der Brentölpreis stieg schon wieder auf 85 US-Dollar/Barrel. Gefragt waren zudem Gold bei über 2.000 USD/Unze und Silber bei fast 25 USD/Unze, die nun aber vor wichtigen Widerständen stehen wie Gold bei 2070 USD und Silber bei 25 USD/Unze. Werden diese wichtigen Chartmarken gebrochen, kann es weiter aufwärts gehen.
Am besten schnitten in diesem Jahr wieder Kryptowährungen ab wie Bitcoin, Ethereum oder Ripple, wo es bald eine wichtige, wegweisende Gerichtsentscheidung gibt, nämlich ob der Ripple als Wertpapier eingestuft wird oder nicht. Der Bitcoin konnte als Leitwährung unter den Kryptowährungen in einem Monat um 30 Prozent auf 28.000 BTC/USD zulegen.
Gute Chancen in Osteuropa in der Balkan-Region und im Baltikum
In Osteuropa sind sogar Bankaktien eine gute Alternative zu westlichen Bankaktien. Die Bank of Georgia erreichte vor Kurzem sogar ein neues Allzeithoch, korrigierte nun aber auch etwas. Sehr stabil ist auch die Balkan- und Baltikum-Region. Der Crox-Index für Aktien aus Kroatien stieg sogar um 13 Prozent und der CTX-Index für Aktien aus Tschechien um 20 Prozent seit Jahresbeginnt. Beide Osteuropa-Indices konnten den Dax klar outperformen. Acht osteuropäische Börsen zählen schon wieder zu den 30 am besten performenden Börsenindices auf der Welt. Es wird weiterhin Outperformance-Chancen in Osteuropa geben, so dass sich auch weiterhin für deutsche Anleger ein Blick über den Tellerrand gen Osten lohnt.
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ZUM AUTOR
Andreas Männicke ist Journalist, Buchautor, Verleger, Börsen-Experte und Berater (mit Spezialisierung auf Osteuropa) – bekannt aus TV- und Radio-Sendungen wie N-TV, N24, DAF, Bloomberg, Deutsche Welle. Mehr Information: www.andreas-maennicke.de und www.eaststock.de
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