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Kolumnen & Glossen

Kolumne „Kann passieren …“ – Adams Tod

Die folgende Geschichte gehört zu den skurrilen Texten unseres Autors Andreas Ballnus. Man kann einen tieferen Sinn in ihr finden, muss es aber nicht. Und es können Fragen auftauchen, die unbeantwortet bleiben. Damit muss die Leserschaft dann leben – denn Andreas Ballnus kennt die Antworten auf die Fragen auch nicht.

Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

„Ich darf heute endlich sterben!“
Mit diesen Worten betrat Adam die kleine Wohnung im fünften Stock des Mietshauses. Über der Trabantenstadt begannen sich gerade die Schatten der Abenddämmerung zu legen. Ein roter Streifen am Horizont verkündete gutes Wetter für den nächsten Tag.
„So, hat er es dir nun endlich erlaubt?“ Eva, seine Frau, sah nur kurz von ihren Essensvorbereitungen auf. Der Duft von frisch gedünstetem Gemüse durchzog die Wohnung.
„Ja, toll, nicht wahr?“ Er ging ins Badezimmer und wusch sich. Die Tür ließ er offen.
„Bleibst du noch zum Essen?“, rief Eva nach einiger Zeit aus der Küche, während sie damit begann, dort ein wenig aufzuräumen und den Tisch zu decken.
„Nein, es hat jetzt schon so lange gedauert, nun will ich nicht mehr länger warten!“, rief er zurück.
„Na, dann haben die Kinder ja heute mehr zum Essen, da werden die sich aber freuen“, sagte Eva mehr zu sich als zu ihrem Mann.
„Was hast du gesagt?“, übertönte Adam die Klospülung.
„Ich sagte, dass die Kinder sich freuen werden, wenn sie diesmal mehr zum Essen haben!“, antwortete Eva nun deutlich lauter.
„Ja, bestimmt werden sie sich freuen“, murmelte er.
„Was hast du gesagt?“
„Ich meine auch, dass sich die Kinder freuen werden!“, antwortete Adam laut, aber undeutlich mit der Zahnbürste im Mund. „Wo sind die beiden Racker überhaupt?“
„Ich habe sie nach draußen geschickt. Die haben sich mal wieder nur gestritten und die Wohnung auf den Kopf gestellt – ich brauchte einfach mal eine Auszeit. Da muss ich mir wirklich noch etwas einfallen lassen. Wenn das so weiter geht, wird das mit den beiden auf Dauer nicht gut gehen.“
„Hm, ich weiß ehrlich gesagt auch nicht mehr weiter. Soll ich vielleicht doch noch ein wenig bleiben? Ich habe so ein dummes Gefühl, wenn ich dich jetzt mit diesen Problemen alleine lasse.“

Adam kam aus dem Badezimmer und blieb in der Tür zur Küche stehen. Eva war gerade damit beschäftigt, das Apfelkompott für den Nachtisch vorzubereiten. Sie schaute kurz von ihrer Arbeit auf und sah seinen besorgten Blick.
„Nein, geh ruhig. Ich werde schon zurechtkommen“, antwortete Eva lächelnd. „Die beiden werden sich ja nicht gleich die Köpfe einschlagen.“
„Ach ich weiß nicht“, entgegnete Adam. „Ich habe da wirklich ein sehr dummes Gefühl.“
„Jetzt mach schon. Zieh dich an! Ich schaff das schon – du kennst mich doch.“ Eva schob ihn grinsend in den Flur.
„Ja ich weiß, dass du auch alleine zurechtkommst – aber Gedanken mache ich mir trotzdem“, murmelte er und ging nachdenklich ins Schlafzimmer. Dort nahm er sich seinen besten Anzug aus dem Schrank und zog ihn bedächtig an. Wenig später kam er in die Küche zurück.
„Schau mal Schatz, ist das gut so?“
„Nee, überhaupt nicht“, lachte Eva laut auf und wischte sich ihre Hände an der Schürze ab. Dann rückte sie ihm die Krawatte zurecht und richtete den Hemdkragen. Nach einem kurzen kritischen Blick gab sie ihm einen flüchtigen Kuss und streichelte kurz über seine Wange.
„So, jetzt ist es gut. Nun kannst du losziehen. Willst du noch was trinken?“, fragte sie sanft.
„Danke, aber mach dir keine Mühe. Ich habe im Moment keinen Durst.“
„Na dann alles Gute! – Halt, vergiss den Strick nicht!“
„Nein, ich hab’s mir anders überlegt, ich werde von der Brücke springen.“
„Ach Mensch, dann habe ich den ja ganz umsonst gekauft. Das ist jetzt wirklich daneben. Erst hetzt du mich los, nur um diesen blöden Strick zu kaufen, weil du ihn ja so dringend brauchst, dann liegt er hier monatelang in der Wohnung herum, und nun überlegst du dir plötzlich alles ganz anders, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Also wirklich, für was hältst du mich eigentlich? Du meinst wohl, ich hätte sonst nichts zu tun.“

Eva sah ihn vorwurfsvoll an und wandte sich dann dem Herd zu. Ärgerlich rührte sie in einem der Töpfe, in dem sich die Suppe für die Vorspeise befand.
„Tut mir leid, ich hab’s vergessen, wird ja auch nicht wieder vorkommen!“, erwiderte Adam, nun spürbar genervt.
Unschlüssig blieb er in der Küche stehen und schaute Eva bei ihren weiteren Essensvorbereitungen zu. Nach einiger Zeit ging er zu ihr und legte sanft seine Hände auf ihre Schultern.
„Es tut mir leid. Ich habe nicht weiter nachgedacht. Komm, lass uns nicht im Streit auseinandergehen.“
Sie drehte sich um und schaute ihn ernst an. Doch allmählich wurde ihr Blick wieder milder.
„Nein, lass uns nicht im Streit auseinandergehen. Mir tut es auch leid. Ich bin heute schon den ganzen Tag über etwas genervt. Ich habe überreagiert – es gibt wirklich größere Probleme.“
Zärtlich schmiegte sie sich an ihn. Behutsam nahm er sie in die Arme und streichelte ihr durch das Haar. Für einen Moment wurde es ganz still um sie herum.

Nach einer Weile löste er sich langsam von ihr. Sie küssten sich gegenseitig auf die Stirn. Erst gab Eva Adam einen Kuss, dann er ihr – das war in all den Jahren stets ihr kleines Abschiedsritual gewesen. Entschlossen ging er nun zur Wohnungstür. Auf dem Weg dorthin schaute er noch einmal kurz in den Spiegel und strich sich sein Haar zurecht.

„Also, ich will jetzt wirklich los. Mach’s gut!“, sagte er anschließend und verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal nach Eva umzudrehen.
„Ja danke, du auch!“, erwiderte diese und schloss hinter ihm die Tür.

––––

„Wo ist denn Papa?“, fragten die Kinder später beim Essen.
„Er ist sterben gegangen“, antwortete Eva.

– Andreas Ballnus —

_________________________

ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor. Außerdem ist er Gründungs- und Redaktionsmitglied der Stadtteilzeitung „BACKSTEIN“. Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

Bildquellen

  • Andreas Ballnus: Sebastian Lindau
  • Wohnungstür: Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de
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Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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