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Kolumnen & Glossen

Leo

Mögen Sie Hunde? Sagen Sie jetzt bitte nicht zu schnell „Ja“! Immerhin gibt es Exemplare, die uns das Leben wirklich schwer machen können. Mit zweien von dieser Sorte hat unser Autor Andreas Ballnus regelmäßig zu tun – mehr, als ihm lieb ist. Aber lesen Sie selbst.

Goran Horvat / Pixabay.com

Leo beißt nicht. Leo will nur spielen.

Doch was erzähle ich da über Leo, wenn ich eigentlich ganz andere Dinge zu tun habe. Es fällt mir nur so schwer, mich auf diese anderen Dinge zu konzentrieren, wenn er ständig spielen will.

Wer Leo ist, fragt Ihr Euch? Leo ist ein Hund, ein Schäferhund. Ein junger, aber schon ausgewachsener Schäferhund, der mich mit verspielten, begeisterungsfähigen Augen anschaut, so, als wolle er sagen: „Komm Junge, heute machen wir einen drauf!“ Doch was ist das für ein blöder Gedanke, mit einem Hund einen drauf zu machen? Ich kann doch nicht mit ihm durch Diskotheken oder Kneipen ziehen.

Nein, nein – Leo ist ein Hund, der spielen will. Seine Augen gieren richtig danach. Er ist völlig aufgeregt. Am liebsten würde er mich gleich nach draußen schleifen, um dort mit mir herumzutollen.

Merkwürdig ist nur, dass er sich ausgerechnet immer dann meldet, wenn ich eigentlich etwas ganz anderes erledigen muss. Meistens sind es wichtige Dinge, zu denen ich im Grunde aber gar keine Lust habe. Doch kaum will ich mit diesen Dingen beginnen, taucht Leo auf. Es ist so als könne er riechen, dass jetzt eine gute Chance besteht, mich zum Spielen zu überreden. Und meistens bekommt er mich rum. Im Nachhinein könnte ich mir dann vor Wut selber in den Hintern treten, da ich nun richtig in Stress gerate.

Dabei bin ich doch eigentlich so stolz auf mich, dass ich seit einiger Zeit Herkules ganz gut im Griff habe. „Herkules“ heißt mein innerer Schweinehund. Ich habe viel mit ihm geredet, ihm Kompromisse angeboten und irgendwann haben wir uns so arrangiert, dass ich einigermaßen mit ihm klarkomme.

In letzter Zeit stelle ich mir aber immer häufiger die Frage, ob er mich möglicherweise bei unseren Verhandlungen über den Tisch gezogen hat. Vielleicht ist Leo ja sein jüngerer Bruder, den er bei sich aufgenommen hat, um ihn nun auf mich zu hetzen. Und Leo will doch nur spielen, er tut ja nichts Schlimmes – nicht so wie Herkules, durch den ich immer wieder besonders schlaff und antriebslos werde, der mir meine Energie raubt und mich auf diese Art und Weise daran hindert, meine Pläne umzusetzen und meine Ziele zu erreichen. Herkules, dieses verdammte Mistvieh, durch das ich schon so viel kostbare Zeit meines Lebens vergeudet habe und wohl auch weiterhin vergeuden werde – denn ganz lässt sich der nie in den Griff kriegen.

Nein, Leo dagegen ist wirklich lieb – und so süß. Er will doch nur spielen. Junge Hunde brauchen das Spiel, um sich zu entwickeln. Ich kann Leo bei dieser Entwicklung helfen. Das ist Verantwortung pur, sage ich Euch! Da müssen doch auch mal die eigenen Interessen zurückstehen können.

Andererseits – wenn das alles tatsächlich nur ein Trick ist? Ein Trick, um mich von den wirklich wichtigen Dingen meines Lebens abzulenken? Sind die beiden vielleicht verwandt mit Kerberos, dem Höllenhund aus der griechischen Mythologie? Diesem Ungeheuer, das die Hölle bewacht und niemanden wieder hinaus lässt? – Ein Gedanke, den ich, ehrlich gesagt, nicht weiterverfolgen mag.

Nein, schaut Euch doch Leo einmal genauer an. Seid ehrlich – der tut nichts. Der will wirklich nur spielen! Natürlich muss er lernen, dass er manchmal zu warten hat, dass nicht alle nach seiner Pfeife tanzen wollen. Doch auch, um ihm das beizubringen, bin ich da. Ich habe bereits verschiedene Dinge ausprobiert – leider bisher nur mit mäßigem Erfolg. Egal, ob ich mit ihm diskutiert, sachlich geredet, geschimpft, ihn gelobt oder bestraft habe – Leo kam kurz darauf wieder an und wollte spielen. Sogar bei einer Erziehungsberatungsstelle bin ich gewesen! Nein, es hat alles nichts geholfen.

Mein bisher letzter Versuch war es, ihn einfach zu ignorieren. Da fing der vielleicht zu Jaulen an … Mein Gott, war das ein Gejaule. Es brach mir fast das Herz. Nein, das war auch nicht der richtige Weg, denn natürlich möchte ich nicht, dass Leo leidet. Leo soll es schließlich gut bei mir haben und sich wohl fühlen. Ich möchte mir wirklich nicht nachsagen lassen, dass ich zu streng zu ihm war, ihn gar in der Entwicklung seiner Persönlichkeit behindert hätte. Das würde ich mir nie verzeihen können.

Aber jetzt ist es wirklich genug. Ich muss endlich weitermachen. – Allerdings reicht im Grunde die Zeit gar nicht mehr dafür aus. Es wäre total nervig, jetzt noch anzufangen und mittendrin aufzuhören zu müssen. Ich hasse es, angefangene Dinge liegen zu lassen. Da könnte ich das bisschen restliche Zeit auch sinnvoller nutzen.

„Komm Leo, wir machen einen drauf!“

 

– Andreas Ballnus —

_________________________

ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor. Außerdem ist er Gründungs- und Redaktionsmitglied der Stadtteilzeitung „BACKSTEIN“. Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

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Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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