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Kolumnen & Glossen

Kolumne „Kann passieren …“ – Neues aus dem Blätterwald

Fake News können ein wahres Ärgernis sein. Doch wenn man solche Meldungen gezielt schreibt, um mit ihnen zu unterhalten, können sie richtig Spaß bringen. So erfreut sich „Der Postillion“ schon seit Jahren großer Beliebtheit. Hier gehört es zum Konzept, satirische Falschmeldungen zu produzieren – so abstrus sie auch sein mögen. Und genau davon hat sich unser Autor Andreas Ballnus inspirieren lassen, selber einmal ein paar Fake News zu schreiben.

Widerstand gewaltsam beendet

Spektakulärer Vorfall in Buxtehude während einer Hausgeburt. Der von seinen Eltern Chantal und Kevin K. sehnsuchtsvoll erwartet Nachwuchs weigerte sich, den mütterlichen Bauch zu verlassen. Die Fachwelt steht vor einem Rätsel.

Buxtehude am vergangenen Freitagabend. Bei Chantal K. setzen die Wehen ein. Wie vereinbart wird die Hebamme Anneliese P. informiert. Familie K. hatte sich schon sehr früh für eine Hausgeburt entschieden.

„Zunächst“, so Chantal K., „ist alles gut verlaufen. Wir hatten uns doch so auf Jonas gefreut. Aber dann …“ Weiter kann die junge Mutter nicht sprechen. Zu tief sitzt der Schock über das, was sie und ihr Mann erleben mussten.

Laut Anneliese P., die von den Eltern gebeten wurde, die dramatischen Ereignisse der letzten Stunden zusammenzufassen, hatte der kleine Jonas bereits seinen Kopf aus dem Mutterleib herausgestreckt. Völlig überraschend öffnete er dann die Augen, starrte die Anwesenden an und drückte sich anschließend sofort in den Bauch der Mutter zurück. Die Anwesenden bestätigen einhellig, dass kurz danach noch einmal seine Hand erschien und eine eindeutige Gestik mit ausgestrecktem Mittelfinger machte.

Von da an wehrte sich Jonas gegen alle Bemühungen, seine Geburt weiter fortzusetzen. Erst der herbeigerufene Arzt Dr. Friedhelm S. konnte unter Einsatz schweren chirurgischen Geräts den Widerstand brechen und Schlimmeres verhindern.

Während die Eltern immer noch von einem Kriseninterventionsteam betreut werden, wurde inzwischen eine Sonderkommission eingesetzt. In ihr sollen Ärzte, Therapeuten und Vertreter des Jugendamtes die näheren Umstände untersuchen und mögliche Konsequenzen erörtern.

Aber auch Wissenschaftler aus aller Welt zeigen bereits großes Interesse an diesem einmaligen Vorfall, für den es bisher keine plausible Erklärung gibt. Erste religiöse Gemeinschaften sprechen inzwischen sogar schon von einem göttlichen Ereignis, welches mit der Geburt von Jesus Christus vergleichbar wäre. Es ist somit davon auszugehen, dass dieser Fall uns noch länger beschäftigen wird.

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Neues Gastronomie-Konzept sorgt für Unruhe                  

Gastronomen aus verschiedenen deutschen Großstädten arbeiten derzeit an einem Konzept, welches den Besuch von Restaurants und ähnlichen Lokalitäten revolutionieren könnte. Vor allem die Preisgestaltung und Form der Bezahlung stehen im Mittelpunkt der Überlegungen. Unter dem noch etwas sperrigen und angestaubten Motto „Futtern fast so wie bei Muttern“ wird derzeit eine Machbarkeitsstudie vorbereitet. Die Gewerkschaften sind alarmiert.

Kernidee des Konzeptes ist es, dass Gäste künftig die Möglichkeit haben sollen, einen Teil der Rechnung für ihr Essen abzuarbeiten. Neben dem Einsatz als Tellerwäscher kommen auch Arbeiten im Bereich Reinigung, Hilfskoch und kleine handwerkliche Tätigkeiten infrage. Doch auch die Unterstützung bei Einkäufen, Transporten und Büroarbeit soll möglich sein, soweit die Gäste eine entsprechende Eignung nachweisen können. Über weitere Aufgabenfelder wird noch nachgedacht.

„Hier muss man natürlich aufpassen, dass es zu keinen zwielichtigen Zahlungsmethoden kommt“, sagt Gunter F., einer der Initiatoren dieses Projektes. F. berichtet weiter, dass man sich derzeit nur auf die Gastronomie in Städten konzentrieren möchte, weil das System möglichst flexibel gestaltet werden soll. „So wäre es zum Beispiel möglich, dass der Gastarbeiter seine Zeche im Lokal eines Mitbewerbers abarbeitet, wenn in dem eigenen Betrieb gerade alle Arbeiten vergeben sind“, führt der Betreiber eines Frankfurter Szene-Lokals weiter aus.

Sobald erste Teile dieses Konzeptes bekannt wurden, kündigte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) massiven Widerstand an. Die Umsetzung dieser Pläne würde viele Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich zerstören, so ein Sprecher der Gewerkschaft.

Doch auch in den eigenen Reihen sind die Überlegungen umstritten. „Ohne mich!“, schimpft Erwin K., Betreiber eines Drei-Sterne-Restaurants in Berlin. „Da holt man sich doch nur Leute ins Haus, die man gar nicht haben will. Ich würde meine Stammgäste verlieren, wenn da plötzlich auch Harz-IV-Empfänger und irgendwelche Penner bei mir auftauchen würden.“

Gunter F. sieht solchen Vorbehalten gelassen entgegen. „Es wird doch niemand dazu gezwungen, hierbei mitzumachen. Außerdem wird es unter den wohlhabenden Gästen sicherlich auch welche geben, die sich mal wieder nützlich machen wollen.“

Der nächste Schritt bei der Entwicklung des Konzeptes ist nun eine Machbarkeitsstudie, die von einer namhaften Kölner Universität durchgeführt werden soll. Für den Fall, dass diese positiv ausfällt, ist ein erster Testlauf auf dem kommenden Oktoberfest in München geplant.

Dem Thema „Zweiklassen-Gastronomie“ widmet sich heute Abend Liesbeth Killer in ihrer Gesprächsrunde „Killer-Talk“.

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Desaster auf ökumenischer Fachtagung

Eine in Bamberg stattfindende ökumenische Fachtagung musste am vergangenen Mittwoch abgebrochen werden. Hintergrund waren Meinungsverschiedenheiten, die derart eskalierten, dass der Veranstalter keine andere Möglichkeit sah, als die Veranstaltung vorzeitig zu beenden. Sprecher beider Volkskirchen bedauerten den Vorfall zutiefst.

Unter dem Motto „Die christlichen Kirchen zwischen Tradition und Moderne“ trafen sich am vergangenen Montag Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche. Geplant waren neben diversen Vorträgen auch Diskussionen zu zentralen Fragen des christlichen Lebens sowie der Gestaltung von Gottesdiensten und christlichen Feiertagen. In kleinen Workshops gab es außerdem die Möglichkeit, einzelne Themen eingehender zu besprechen.

„Die Atmosphäre war zunächst höchst konstruktiv und von Respekt gegenüber anderen Ansichten geprägt“, sagt Pater Colmar Z., der die Veranstaltung zusammen mit seinem evangelischen Kollegen Siegfried D. leitete.

„Natürlich gab es auch etwas hitzigere Diskussionen“ ergänzt dieser. „Doch dass die Differenzen derart ausarten, hatte niemand von uns ahnen können.“

Laut Aussagen anderer Teilnehmer gab es vor allem in der Arbeitsgruppe „Feier des Heiligen Abendmahls“ von Anfang an größere Spannungen. Besonders bei der Frage, ob man verbindlich für alle Gemeinden einführen solle, dass nur noch Traubensaft und kein Wein mehr eingesetzt werden darf, trafen sehr gegensätzliche Ansichten aufeinander. Während die Befürworter darauf hinwiesen, dass es sowohl unter Gemeindegliedern als auch den Geistlichen alkoholkranke Menschen gäbe, beriefen sich die Gegner strikt auf die entsprechenden Bibelstellen, in denen von Wein die Rede ist. Als es am Mittwochvormittag dann im Rahmen des Workshops zu einer Verköstigung verschiedener Abendmahlsweine kam, eskalierte die Situation gegen Ende der Veranstaltung. Es kam sogar zu polizeilichen Maßnahmen.

Die genauen Hintergründe sind noch nicht bekannt. Allerdings mussten mehrere Personen ärztlich versorgt werden, und eine Pastorin aus Baden-Württemberg wurde angeblich sogar in Gewahrsam genommen.

Für morgen hat die Polizei um zehn Uhr eine Pressekonferenz angesetzt.

 

–Andreas Ballnus —

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ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor.  Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

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Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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