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Kolumnen & Glossen

Schrumb und die Lüjonen

Sie haben noch nie etwas von den Lüjonen gehört? Macht nichts – Sie sind nicht der/die einzige Unwissende. Unser Autor Andreas Ballnus stellt sie Ihnen vor. Lassen Sie sich in eine andere Welt führen – eine Welt, die aber schmerzhaft unter unserer realen Welt leidet.

Wir schreiben das Jahr 2017. Dies ist die Geschichte der Lüjonen, einem Flugelfen-Stamm aus der Nähe von Lüneburg, der sich auf die Suche nach einer neuen Heimat in die Tiefen des Weltalls begab.

Alles begann Mitte der 1980er-Jahre, als man um Lüneburg herum eine Ortsumgehung baute, die direkt durch das Gebiet der Lüjonen führte. Die Lüjonen sind winzig kleine und sehr anpassungsfähige Elfen. Von Weitem konnte man sie für einen Mückenschwarm halten, wenn sie über der Lichtung des Waldes, der zu ihrem Reich gehörte, einen ihrer anmutigen Tänze aufführten. Bei genauerem Hinsehen hätte man aber festgestellt, dass sie einen hellen, leicht blauschimmernden Körper haben, mit fast durchsichtigen Flügeln, die im Sonnenlicht in den Regenbogenfarben glänzen.

Seit es nun diese Ortsumgehung gab, waren sie nicht mehr zur Ruhe gekommen. Der Autolärm und die große Konzentration an Abgasen ließen in den folgenden Jahren immer mehr Mitglieder des Stammes erkranken. Viele litten an Allergien und schlimmsten Migräne-Attacken. Als dann auch noch die Zahl der Fälle von Krasomanie zunahm, einer chronischen Austrocknung der Flügel, die diese zunächst braun färbt und später zu völliger Flugunfähigkeit führen kann, musste etwas unternommen werden.

Nach langem Zögern berief Gerlowein, der betagte Häuptling des Stammes, den obersten Elfen-Rat ein. Dies war seit Generationen nicht mehr nötig gewesen, doch Gerlowein sah keine andere Möglichkeit.

Der oberste Elfen-Rat setzte sich aus den wichtigsten elf Elfen des Stammes zusammen. Hier war Gerlowein einer unter Gleichen. Die Geschicke seines Volkes lagen nun nicht mehr in seiner Hand, sondern in der des gesamten Rates. Ein Beschluss musste einstimmig beschlossen, und auch einstimmig verkündet werden – so war es seit jeher Brauch bei den Lüjonen. Erst wenn dies geschehen war, durfte er umgesetzt werden. Da es Teil der lüjonischen Kultur ist, überaus blumig und weit ausholend zu reden, nahmen die Besprechungen und auch die Verkündungen der Beschlüssen meistens sehr viel Zeit in Anspruch.

Eines der Ratsmitglieder hieß Bosskarak. Er war der älteste Elf im Stamm und wurde wegen seiner großen Weisheit sehr verehrt. Doch auch an Elfen geht der Alterungsprozess nicht spurlos vorüber. So kam es vor, dass er während der Besprechungen einschlief oder mitten im Satz vergaß, was er eigentlich sagen wollte. Immer wieder musste man ihn wecken und über den aktuellen Stand der Diskussion informieren. Das erschwerte die einstimmige Beschlussfassung erheblich. Nachdem man fünf Jahre später endlich zu einer Entscheidung gekommen war, tauchte das nächste, noch größere Problem auf: die einstimmige Verkündung des Beschlusses. Immer wieder vergaß Bosskarak den Wortlaut, versprach sich oder redete langsamer als die anderen. Einige Male schlief er sogar während des Redens ein.

Alle Maßnahmen, diesem Problem Herr zu werden, scheiterten. So versuchten besonders rhythmisch begabte Elfen mit Bosskarak einen eingängigen Sprechgesang einzustudieren. Selitara, die große Heilerin des Stammes, verabreichte ihm konzentrationsfördernde Mittel. Und der Astrologe Paskinajus ermittelte immer wieder neue Zeitpunkte, an denen die Sternenkonstellation besonders günstig für die Beschlussverkündung war. Doch nichts half. Schließlich einigte man sich nach drei Jahren darauf, den Wortlaut des Beschlusses auf das absolute Minimum zu verringern. Die weiteren Erläuterungen sollte dann im Anschluss Gerlowein vortragen. Sjöveriet, ein zugereister Juristenelf, der ebenfalls dem obersten Elfen-Rat angehörte und dort die im Stamm lebenden Fremd-Elfen vertrat, war an dieser spitzfindigen Lösung maßgeblich beteiligt gewesen.

So kam es endlich dazu, dass der oberste Elfen-Rat vor den Stamm treten und die Entscheidung verkünden konnte. Diese lautete: „Wir wandern aus!“. Anschließend erläuterte Gerlowein seinem Volk den Beschluss.
„Liebe Elfen“, begann er. „Mit großer Sorge sehen wir die Entwicklung auf diesem Planeten. Überall zerstört der Mensch Gebiete, die unsere Heimat sein könnten. Es gibt nicht mehr viele Orte, an denen man uns Elfen mit Respekt begegnet, und auch diese werden immer weniger.“

Dann folgte eine Aufzählung jener Länder und Regionen, in denen man die Bedürfnisse von Elfen, Trollen und anderen Naturwesen noch achtete – wobei er zunächst von Island und Irland besonders schwärmte, des Weiteren auf ein paar skandinavische Länder näher einging, um dann die übrigen Länder und Orte in alphabetischer Reihenfolge aufzuführen. Er beschrieb anschließend sehr detailliert, wie der Mensch die Natur zerstörte; was bei einigen der anwesenden Elfen zu neuen Migräne- und Allergie-Anfällen führte. Geschickt griff er dies auf und schilderte anschaulich, wie die Lüjonen in den letzten Jahren gelitten hatten, um dann seine Rede zu beenden, indem er feierlich ausrief: „Daher haben wir uns dazu entschlossen, als erster Elfenstamm die Erde zu verlassen und in ein anderes Sonnensystem auszuwandern.“

Die anwesenden Elfen bejubelten den Beschluss. Sofort machte man sich daran, für die weitere Planung und Umsetzung des Unternehmens Arbeitsgruppen zu bilden. Jede Arbeitsgruppe wurde von einem eigenen Elfen-Rat geleitet. Auch hier mussten natürlich die Beschlüsse einstimmig erfolgen und verkündet werden. Dieser Umstand verzögerte die weitere Umsetzung des Planes erheblich.
Eigentlich spielt ja bei Elfen Zeit keine so große Rolle, da sie mehrere hundert Jahre alt werden können. Doch in diesem speziellen Fall wurde der „Faktor Zeit“ ein gefährlicher Gegner. Denn je länger sich die Umsetzung des Auswanderungsbeschlusses hinzog, umso größer wurde die Zahl der schwer erkrankten und arbeitsunfähigen Elfen. Man hatte inzwischen sogar eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, um einen Weg zu finden, wie man die flugunfähigen Stammesmitglieder in die neue Heimat transportieren könnte.

Der Unmut über den langsamen Verlauf der ganzen Angelegenheit nahm immer weiter zu, so dass man sich nach zehn Jahren dafür entschied, einen externen Projekt-Leiter hinzuzuziehen. Die Wahl fiel – nach weiteren vier Jahren intensiver Beratungen – auf den Großen Schrumb. Er gehörte einer relativ neuen und noch nicht überall anerkannten Gattung von Naturwesen an – den Gartenzwergen. Obwohl man ihn „den Großen Schrumb“ nannte, war er eigentlich eher klein und etwas untersetzt. Wie die meisten seiner Art hatte er einen vollen weißen Bart. Bekleidet war er mit einer roten Zipfelmütze, einer roten Jacke und einer grünen Hose. Sein Gesichtsausdruck war jedoch nicht ganz so freundlich, wie der von anderen Gartenzwergen. Er wirkte eher ernsthaft und streng.

Schrumb übernahm den Auftrag gern. Allerdings verlangte er, dass die Elfen ihm gestatteten, sie in ihre neue Heimat zu begleiten. Er selbst war es nämlich leid, sein Dasein als Gartendekoration zu fristen, fühlte er sich doch zu weit Höherem berufen. Nachdem der oberste Elfen-Rat einige Monate getagt hatte, akzeptierte man seine Bedingung und rief umgehend eine neue Arbeitsgruppe ins Leben, die den Transport von Schrumb organisieren sollte.

Sogleich nahm er seine Arbeit auf und verschaffte sich einen Überblick über alle hundertelf Arbeitsgruppen, die bis dahin gegründet worden waren. Er besuchte sie, beobachtete ihre Arbeitsabläufe, um dann korrigierend einzugreifen. Einige konnte er sofort auflösen, wie zum Beispiel die „Arbeitsgruppe zur Koordination der Arbeitsgruppen“. Diese Aufgabe übernahm er ab sofort selbst. Die Arbeitsgruppen „Spiel und Gesang während der Reise“, „Literatur und Theater unterwegs“ sowie „Künstlerische Umsetzung der Reiseimpressionen“ fasste er zu einer „Arbeitsgruppe Kultur“ zusammen. Bei anderen Arbeitsgruppen erwies es sich als notwendig, sie wieder auf das eigentliche Ziel einzunorden. So hatte man in der Arbeitsgruppe „Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit“ den leitenden Elfen-Rat nahezu entmachtet und die letzten sechs Monate mit ausufernden Debatten darüber verbracht, ob man sich um einen gewissen privaten Fernsehsender, der für seine Dokumentationen über Auswanderer bekannt ist, als Kooperationspartner bemühen sollte.

Erstaunlicherweise konnte auch die „Arbeitsgruppe Verpflegung“ ihre Tätigkeit einstellen, da es den Elfen-Wissenschaftlern gelungen war, eine Methode zu entwickeln, wie selbst das geringste Licht der entferntesten Sterne in reichhaltige Elfennahrung umgewandelt werden konnte. Aus den unverdaulichen Lichtstrahlresten hatten sie sogar einen Treibstoff für den Antrieb im All herstellen können. Jede Elfe war so in der Lage, ihren eigenen Treibstoff zu produzieren. Dieser wurde einfach in eine kleine Düse geleitet, die auf ihrem Rücken befestigt werden konnte. Da die Lüjonen zu jenen Elfenvölkern gehören, die auch ohne Sauerstoff im Weltall überleben können, brauchte die Frage nach der Versorgung mit Atemluft nicht weiter erörtert werden. Auch die Planung des Fluges von der Erde ins Weltall war ebenfalls kein Thema, weil Lüjonen sehr gute Flugeigenschaften besitzen. Die zugewanderten Fremdelfen verfügten ebenfalls über diese Fähigkeiten, so dass für sie keine Sonderlösungen entwickelt werden mussten. Aufgrund des Übereifers einiger Elfen hatte es aber auch zu diesen Punkten Arbeitsgruppen gegeben. Sie wurden, ohne dass Schrumb je von ihrer Existenz erfuhr, still und heimlich aufgelöst.

Die Verringerung der Arbeitsgruppen machte sich schnell bemerkbar, da nun wesentlich mehr Elfen für die eigentliche Arbeit zur Verfügung standen. Schon nach kurzer Zeit konnten weitere Arbeitsgruppen aufgelöst werden, da sie ihre Aufgaben erledigt hatten.

Nach gut zwei Jahren beschloss Schrumb, dass es nun an der Zeit wäre, die größte und wichtigste Veränderung auf den Weg zu bringen. Hierzu rief er alle noch bestehenden Elfen-Räte der einzelnen Arbeitsgruppen zusammen – es waren inzwischen nur noch elf.

Da er die Vorliebe der Lüjonen für lange und umständliche Reden kannte, bemühte er sich darum, ebenfalls nicht sofort zum eigentlichen Sinn der Versammlung zu kommen. Erst am Schluss seiner für lüjonische Verhältnisse immer noch knapp gehaltenen Ansprache von etwa zwanzig Minuten, in der er auch auf die Notwendigkeit einging, einige Bräuche und Gewohnheiten dem neuen Zeitalter anzupassen, schlug er vor, als erstes die einstimmige Beschlussverkündung abzuschaffen. Stattdessen sollten Sprecher ausgewählt werden, die diese Aufgabe übernahmen. „Überlegt meine Worte gut!“, beendete er seine Ansprache. „Besprecht euch ausführlich – aber bitte gründet keine neue Arbeitsgruppe zu diesem Thema.“

Nachdem Schrumb zu Ende gesprochen hatte, war es zunächst absolut still. Viele der Elfen-Rat-Mitglieder waren geschockt. Einen solch radikalen Vorschlag hatte niemand erwartet. Sogleich zog sich der oberste Elfen-Rat zur Beratung zurück. Es dauerte dann aber nur zwei Monate, bis man zu einem Ergebnis gekommen war. Wieder versammelten sich alle Elfen-Räte gemeinsam mit Schrumb, um zu hören, was der Rat beschlossen hatte.

„Wir haben uns entschieden, erhabener Großer Schrumb!“, begann der oberste Elfen-Rat einstimmig. Schrumb atmete tief durch und verdrehte leicht die Augen, fand aber schnell seine Contenance wieder. Doch dann sah er, wie der alte Bosskarak hervortrat und mithilfe eines Stichwortzettels alleine weitersprach. Auch er holte zunächst zu einer langen Ansprache aus, um dann nach etwa zwei Stunden mitzuteilen, dass man sich auf Veränderungen einlassen würde, sogar auf die Abschaffung der einstimmigen Beschlussverkündung – allerdings nur unter der Bedingung, dass eine neu zu gründende Arbeitsgruppe diesen Prozess überwachte und begleitete.

Die Entscheidung des obersten Elfen-Rates traf überwiegend auf ein positives Echo. Doch es gab auch einige besonders konservative Elfen-Räte, die zunächst darauf bestanden, dass sie ihrem Sprecher einstimmig mitteilten, was dieser zu verkünden hätte. Aber Schrumb stoppte sehr schnell diese recht eigenwillige Umsetzung des „Beschlusses zur Beendigung der einstimmigen Beschlussverkündung“.

So setzte sich letztendlich auch dieser Vorschlag des Großen Schrumbs durch. Hinzu kam, dass er mit einer Lösung für den Transport der flugunfähigen Elfen aufwarten konnte: Schrumb besaß eine Schubkarre. Außerdem war er, so wie viele Gartenzwerge, von innen hohl. Er hatte berechnet, dass in seinem Inneren und auf der Schubkarre genügend Platz für alle erkrankten Elfen war.

In den nächsten vier Jahren kamen alle Arbeitsgruppen zu einem Ergebnis, so dass sie ihre Tätigkeiten einstellen konnten. Am längsten brauchte die „Arbeitsgruppe Großer Schrumb“. Doch dann fand sie endlich eine Lösung für dessen Transport: Aus isländischem Trollhaar, das bekanntlich unverwüstlich ist, wurden lange Seile geknüpft. Mit ihnen sollte Schrumb ins Weltall geschleppt werden. Dazu benötigte man allerdings sämtliche noch gesunden Mitglieder des Stammes. Später würde dann eine kleine Gruppe ausreichen, die ihn durch die Schwerelosigkeit des Weltraums zog.

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ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor. Außerdem ist er Gründungs- und Redaktionsmitglied der Stadtteilzeitung „BACKSTEIN“. Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

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  • Andreas_Ballnus_: Sebastian Lindau
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Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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