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Neue Chancen an den Osteuropa-Börsen trotz Ukraine-Krieg

Trotz der Mega-Krisen und dem großen Eskalationspotenzial in der Ukraine nach der russischen Annexion gibt es neue Chancen an den Börsen in Osteuropa vor allem jetzt in Georgien und Kasachstan. Der Börsenexperte Andreas Männicke gibt seine Einschätzungen zu diesen und weiteren geld- und geopolitischen Themen.

Csaba Nagy / Pixabay.com

Durch den Ukraine-Krieg, die hohe Inflation im zweistelligen Prozentbereich und die Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed kamen auch die meisten Börsen in Osteuropa unter Druck. Die russischen ADR, also die Hinterlegungszertifikate bei der Bank of New York, sind seit Kriegsbeginn gar nicht mehr handelbar, was bedauerlich ist, denn einige Unternehmen wie Gazprom erzielen gegenwärtig Rekordgewinne und der Rubel wurde in diesem Jahr trotz der Sanktionen zur stärksten Währung der Welt. So fiel der Euro zum Rubel seit dem Hoch im März von 145 auf 60 EUR/RUB, was zu hohen Währungsgewinnen führte. Jetzt stabilisiert sich der Rubel auf diesem Niveau. Das Bruttosozialprodukt wird in diesem Jahr nach der neuen Schätzung der russischen Regierung mit einem Minus von 3 bis 4 Prozent längst nicht so stark einbrechen, wie sich das der Westen erhofft hat. Freilich tritt das Öl-Embargo erst im nächsten Jahr in Kraft und mit dem Ölexport hat Russland bisher weit mehr verdient als mit dem Gasexport.

Wird der Gas-Ölpreisdeckel zum Bumerang?

Es gibt jetzt immer mehr fragwürde staatliche Eingriffe. Tochtergesellschaften von Gazprom und Raffinerien von Rosneft wurden in Deutschland schon verstaatlicht, was einer Enteignung gleichkommt. Man darf gespannt sein, ob und wie der geplante Gas- und Ölreisdeckel der EU funktioniert. Gut möglich wäre, dass auch das wieder nur zum Bumerang wird. Auch ist fraglich, ob der „Doppel-Wumms“ – so die Wortwahl von Bundeskanzler Olaf Scholz – mit 200 Milliarden Euro ausreicht, um eine drohende Insolvenzwelle in Deutschland im Winter zu vermeiden. Zudem stiegt nun die Verschuldung auch in Deutschland enorm an.

Auch unter dem Einfluss Russlands hat die Organisation erdölexportierender Länder, die Opec, nun entschieden, die Ölfördermengen um 2 Millionen Barrel/Tag zu vermindern. Der Brentölpreis stieg daraufhin am 5. Oktober um 2,2 Prozent auf 93,26 US-Dollar/Barrel und am 6. Oktober 2022 sogar auf über 94 USD/Barrel, nachdem er zuvor wegen der globalen Rezessionsängste und dem starken US-Dollar stark von über 100 auf im Tief 83 USD/Barrel nachgeben hatte.

Eine neue Weltordnung entsteht: G7 gegen BRICS

Russland will im nächsten Jahr eine eigene neue Edelmetallbörse aufbauen, wo vornehmlich die „BRICS“-Staaten und deren Verbündete teilnehmen sollen. Russland ist durch die letzten Sanktionen der Verkauf von Gold im Ausland – auch in der Schweiz – verboten. Der Ukraine-Krieg hat nun schon jetzt zu einer Zweiteilung der Welt und einer neuen Weltordnung geführt und zwar G7 gegen BRICS und Co, also gegen Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika und die Verbündeten, wobei auch viele Länder Südamerikas, Afrikas und der Opec mehr auf russischer Seite stehen, selbstverständlich auch die Türkei und Iran, die alle keine Sanktionen gegen Russland ausgesprochen haben. Russland ist also längst nicht so isoliert, wie sich das der Westen erhofft. „G7 gegen BRICS – wo jetzt investieren?“ wird auch mein Vortragsthema am 8. Oktober beim Berliner Börsentag auf Einladung von Freedom Finance sein.

Die „Kriegskasse“ Russlands ist  gefüllter denn je

Russland hat jetzt bis Oktober 2022 enorm hohe Leistungs- und Handelsbilanzüberschüsse. Russland hat durch den Verkauf fossiler Energiestoffe mit über 150 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr weit mehr verdient als die zusätzlichen Kriegskosten, die auf 100 US-Dollar geschätzt werden. Die westlichen Sanktionen liefen bisher nicht nur ins Leere, sondern wurden zum gefährlichen Bumerang durch die hohen Strom- und Gaspreise in der Europäischen Union. Durch ihre Sanktionen schädigt sich die EU selbst mehr. Durch den Wahlsieg der Rechtspopulisten am 25. September in Italien wird die EU nun mehr Gegenwind bekommen und wohlmöglich die EU spalten.

Der Industriestandort Deutschland gerät in Gefahr, auch der deutsche Mittelstand bricht weg

In Deutschland könnte der Mittelstand wegbrechen, und der Industriestandort Deutschland könnte seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Insofern wäre ein schnelles Umdenken bei der Bundesregierung dringend notwendig. Zudem wäre es jetzt dringend geboten, zu deeskalieren anstatt mit immer mehr Waffenlieferungen nur Öl ins Feuer zu gießen. Bei einem kalten Winter droht nicht nur das Gas trotz gut gefüllter Gasspeicher auszugehen, sondern es droht sogar ein Blackout und darauf ist hier kaum einer so richtig vorbereitet.

Es bedarf jetzt auch eingehender und objektiver Untersuchungen, wer den vierfachen Sabotageakt an der North-Stream-2-Pipeline verursacht hat. Es ist ziemlich unsinnig zu unterstellen, dass dies Russland selbst gemacht hat. Durch die Annexion von vier Gebieten in der Ost-Ukraine hat Russlands Präsident Wladimir Putin nun gefährliche Fakten geschaffen. Auf der anderen Seite vermeldet die Ukraine jetzt starke Geländegewinne im Süd-Osten der Ukraine, wo das russische Militär flieht. Putin bietet zwar Verhandlungen und einen Waffenstillstand an; diesem Vorschlag wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj – auch durch den Druck der USA – jedoch nicht folgen. Hier könnte nun Deutschland eine gute Vermittlerrolle spielen, tut das aber offensichtlich nicht und verpasst damit eine historische Chance, was dem Land noch leidtun könnte.

Wird Putin als Ultima Ratio auch Atomwaffen einsetzen?

Auch wenn die Ukraine jetzt vereinzelt vorrückt und Ortschaften wieder zurückgewinnt, ist es wenig wahrscheinlich, dass es Putin zulassen wird, dass er sich aus Luhansk und Donezk zurückziehen und wieder bis an die ursprüngliche Grenze zurückdrängen lassen wird. Eher wahrscheinlich wäre dann sogar der Einsatz von taktischen Atomwaffen oder sogar ein dritter Weltkrieg, unter dem alle Beteiligten dann wesentlich mehr leiden würden. Dies gilt es unter allen Umständen zu vermeiden.

Die Eskalationsgefahr steigt jeden Tag

Die Eskalationsgefahr steigt ohnehin jeden Tag. Im Falle eines durchaus möglichen dritten Weltkriegs wären wohl Polen, Deutschland (hier vor allem Ramstein) und Großbritannien die ersten Zielscheiben und nicht die USA. Der Friedensvorschlag des global wirkenden Unternehmers Elon Musk ist durchaus diskutabel. Bezeichnend ist, dass der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, der in diesen Tagen seine Dienstzeit in Deutschland beendet, dies mit einem „Fuck off“ beantwortet. Man gewinnt mehr und mehr auch den Eindruck, dass die EU nicht unabhängig agiert, sondern stark unter dem US-Einfluss steht, ebenso wie der ukrainische Präsident Selenskyj selbst.

Die EU steht nach den Wahlen in Italien vor großen Herausforderungen

Durch die Wahlen in Italien könnte eine neue rechtspopulistische Regierung, die sich mehr eine Zusammenarbeit mit Russland auch im Energiebereich wünscht, aber auch den Euro ablehnt, in Zukunft die EU spalten. Nach dem „Brexit“ könnte es einen „Italexit“ geben. Auch der Bestand des Euros gerät in Gefahr. Die Europäische Zentralbank darf die Zinsen nicht zu hoch erhöhen, da sie sonst einen Flächenbrand in Südeuropa auslösen wird.

Fast Finanz-Kollaps in Großbritannien und in der Schweiz

Großbritannien befindet sich nach dem Brexit erstmals in großen finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Das britische Pfund wurde schon stark abgewertet. Die britische Notenbank konnte mit einer Notoperation wie dem Aufkauf von „Schrottanleihen“ die britischen Pensionskassen retten.  Eine Pleite von Pensionskassen wäre ein Mega-Gau, der eine globale Systemkrise zur Folge haben könnte. Und auch Bausparkassen und Versicherungen, die ihr Geld überwiegend in Anleihen anlegen, könnten in Zukunft in Not geraten – auch in der EU. Zudem könnten einige Großbanken in eine Schieflage kommen, insbesondere dann, wenn eine Insolvenzwelle wegen der zu hohen Gas- und Strompreise im Winter folgt.

Die Schweizer Großbank Credit Suisse, einer der größten Vermögensverwalter der Welt, befindet sich schon jetzt deutlich erkennbar in einer Schieflage. Der Aktienkurs brach in den letzten sechs Monaten von 7 auf 4,5 Schweizer Franken in Zürich ein, was ein erstes Warnsignal für alle Großbanken ist. Vor 5 Jahren lag der Kurs noch bei über 17 CHF. Aber auch die Prämien für Kreditausfälle (CDS) sprangen bei der Deutschen Bank AG in die Höhe. Immerhin verlief das Mega-IOP der Porsche AG sehr erfolgreich. Der Kurs sprang nach dem Börsengang um über 10 Prozent von 82,5 auf 90,7 Euro in die Höhe.

Gazprom mit neuen Rekordgewinnen

Allen Unkenrufen zum Trotz hat Gazprom im ersten Halbjahr einen Rekordgewinn von 42 Milliarden Euro erzielt. Der Aktienkurs ist an der Moskauer Börse jetzt fast schon wieder auf dem Niveau wie vor Kriegsbeginn, nämlich bei etwa 6 euro. Nur hat der westliche Anleger davon im Moment überhaupt nichts, da die ADR nicht mehr handelbar sind und Ausländer an der Moskauer Börse im Moment nicht handeln dürfen.

ADR können aber weiterhin bei Brokern wie Freedom Finance umgetauscht werden in Originalaktien, wobei die Deadline nun bis November verlängert wurde. Es bleibt dann die Hoffnung, dass nach dem Krieg und den Sanktionen ein Handel von Gazpromaktien wieder möglich ist. Sicher ist aber auch das nicht.

Nachdem russische ADR wegen der Sanktionen im Moment nicht handelbar sind, bieten sich nun andere Möglichkeiten in Osteuropa. Besonders stabil sind weiterhin die Börsen aus der Balkan-Region und dem Baltikum. So konnten die Börsen aus Bosnien, Serbien, Slowenien, Kroatien, Bulgarien und Rumänien den deutschen Leitindex Dax klar outperformen. Eine gute Alternative für Aktien oder ADR aus Russland sind Aktien aus Georgien und Kasachstan. Auch Polen wird nach dem Krieg ein Comeback erfahren.

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ZUM AUTOR

Andreas Männicke ist Journalist, Buchautor, Verleger, Börsen-Experte und Berater (mit Spezialisierung auf Osteuropa) – bekannt aus TV- und Radio-Sendungen wie N-TV, N24, DAF, Bloomberg, Deutsche Welle. Mehr Information: www.andreas-maennicke.de und www.eaststock.de

 

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Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

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