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Schwache Weltbörsen zum Jahresbeginn, aber guter Start an den osteuropäischen Börsen  

Geopolitische Spannungen zwischen Russland und der Ukraine, die künftige Geldpolitik der US-Notenbank Fed und die schnelle Ausbreitung der Omikron-Variante des Corona-Virus bereiten Anlegern Sorgen. Die meisten Weltbörsen reagierten in der vergangenen Woche mit Kursverlusten. Dagegen konnten sieben Börsen aus Osteuropa wieder den deutschen Leitindex Dax klar outperformen. Ein Blick auf das Geschehen vom Osteuropa-Börsenexperten Andreas Männicke.

comrade_petruha / Pixabay.com

Russland verlangt „Sicherheitsgarantien“

Die Gespräche zwischen den USA und Russland verliefen in der vergangenen Woche ebenso ergebnislos wie die Gespräche im Nato-Russland-Rat und nachfolgend mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Russland fordert von den USA und der Nato „Sicherheitsgarantien“. Russland fühlt sich immer mehr eingekesselt von der Nato. Russland will auch, dass die Ukraine niemals in die Nato eintritt. Russland will zudem nicht, dass Raketensysteme der Nato oder der USA auf osteuropäischem Boden aufgebaut werden. Russland sieht dies als eine Bedrohung der eigenen Sicherheit an. Russland hat damit gefährliche „rote Linien“ gekennzeichnet, die die USA und die Nato jedoch nicht akzeptieren. Russland stört außerdem die Vielzahl der Manöver im Schwarzen Meer und die Waffenlieferungen der USA in die Ukraine, die offensiv zum Angriff gegen Stellungen der Separatisten genutzt werden

Droht bald eine neue Kuba-Krise?

Wenn die Forderungen nicht erfüllt werden, will sich Russland durch seine Militärberater beraten lassen und dann entsprechende Maßnahmen ergreifen. Denkbar wäre die Stationierung von eigenen Raketensystemen in Venezuela oder auf Kuba. Droht damit schon bald eine neue Kuba-Krise wie im Jahr 1962, wo ein Atomkrieg der beiden Atommächte nur um Haaresbreite vermieden werden konnte?

Es gab vergangene Woche einen Hackerangriff auf Einrichtungen der ukrainischen Regierung. Die Ukraine und die USA vermuten, dass es russische Hacker waren. Die Europäische Union (EU) reagierte sofort und bot der Ukraine Hilfe und Unterstützung an. Da scheint sich etwas hochzuschaukeln, was sehr ungemütlich und gefährlich werden könnte.

USA und die EU drohen mit scharfen Sanktionen

Die USA und die EU drohen wiederum Russland mit scharfen politischen und wirtschaftlichen Sanktionen, wenn Russland die Ukraine militärisch angreifen sollte. Die USA vermuten eine „False Flag“-Attacke Russlands. Gemeint ist ein getarnter Angriff der Russen auf sich selbst unter falscher Flagge, um einen Angriff gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Es gibt immer noch die Drohkulisse von mehr als 100.000 Soldaten und vielen Panzern in der Nähe der ukrainischen Grenze. Das Säbelgerassel geht also in verschärfter Form in die nächste Runde. Der blutige Aufstand in Kasachstan mit mehr als 200 Toten wurde mit Hilfe des russischen Militärs zwar im Keim erstickt. Das russische Militär wird bereits abgezogen. Wer hinter dem bewaffneten Aufstand steckt, ist jedoch noch ungewiss.

Anleger belieb verunsichert – auch wegen der Inflation

Nicht nur das gegenseitige Aufzeigen „roter Linien“ und das Säbelgerassel an der ukrainischen Grenze beunruhigt die Anleger. Es ist auch die ständig steigende Inflation, die im Dezember in Europa auf über 5 Prozent und in den USA auf über 7 Prozent anstieg – die höchste Inflation seit mehr als 40 Jahren. Die US-Notenbank Fed wird darauf mit der Beendigung der Wertpapierkäufe im März und mit mindestens drei Zinsanhebungen reagieren. Die Frage ist, wer dann die US-Staatsanleihen kaufen wird im Volumen von über 1 Billionen US-Dollar, wenn die Fed als Aufkäufer gänzlich ausfällt. Möglicherweise steigen dann auch die US-Renditen von US-Staatsanleihen am langen Ende. Denn die Fed kann die Zinskurve dann nicht mehr kontrollieren. Gefährlich wird es vor allen, wenn die Fed eine Bilanzsummenverkürzung ankündigt. Was dann passieren könnte, kann man am vierten Quartal 2018 ablesen, als der S&P-Index 25 Prozent an Wert verlor. Die Europäische Zentralbank (EZB) macht sich zwar auch Sorgen um die Inflation, hat aber noch keine konkreten Maßnahmen in Aussicht gestellt. Das kann jedoch noch kommen.

Omikron: Fluch oder Segen?

Die Virusvariante Omikron bereitet den Anlegern ebenfalls große Sorgen, falls es zu neuen Lockdowns und/oder neuen Lieferproblemen kommen sollte. Es mussten schon mehr als 30 Prozent der Flüge weltweit wegen Personalmangel abgesagt werden. Allein die Lufthansa musste über 30.000 Flüge im Winterfahrplan wegen Personalmangel streichen. Durch die Omikron-Ausbreitung haben zudem überall in Europa infrastrukturrelevante Bereiche wie bei Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser usw. einen Personalnotstand, der noch schlimmer werden kann. Schon jetzt müssen Krankenhäuser wieder Betten abbauen, weil das Personal fehlt. In Deutschland gab es zuletzt über 80.000 Infizierte täglich, in Frankreich sogar über 300.000.

Kommt die Corona-Impfpflicht?

Dennoch bleibt es umstritten, ob eine Impfpflicht notwendig und angemessen ist. Es ist bekannt, dass eine Impfung nicht davor schützt, dass sich die Menschen mit einer neuen Coronavirus-Variante anstecken. Jedoch kann durch Impfung der Krankheitsverlauf abgemildert werden. Impfgegner protestieren gegen die Einführung einer Impfpflicht wegen der aus ihrer Sicht verglichen mit anderen Impfstoffen vermeintlich vielen Nebenwirkungen und Impftoten, aber auch wegen der unbekannten Wirkung bei Omikron oder anderen Varianten. Ständiges Boostern schwäche auf Dauer eher das Immunsystem, warnt die Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA). Zudem kommen jetzt neue Medikamente auf den Markt, die im Falle einer Corona-Infektion für einen leichteren Krankheitsverlauf sorgen können.

Wahrscheinlich wird im deutschen Bundestag im März dennoch die Einführung einer Impfpflicht für Menschen ab 50 Jahren ähnlich wie in Italien beschlossen. In Österreich soll die Impfpflicht ab 1. Februar kommen. In Deutschland gibt es bisher nur eine einrichtungsbezogene Impfpflicht für Altenpflegeheime und Krankenhäuser. Es ist anzunehmen, dass mit Einführung einer Impfpflicht auch einige Ärzte und Kranken- bzw. Altenpfleger kündigen und dann fehlt gerade das Personal, das jetzt am dringendsten gebraucht wird.

Auf der anderen Seite macht Omikron Hoffnung, dass die Pandemie zu einer Endemie werden könnte, ähnlich wie eine Grippe, so dass die strengen Maßnahmen nicht mehr notwendig wären, da die Krankenhausbelastung dann viel geringer ausfalle. In Südafrika gingen die Infiziertenzahlen rapide zurück und es wurden die restriktiven Maßnahmen beendet. Auch Großbritannien verschärfte trotz hoher Infiziertenzahlen die Maßnahmen bisher nicht und ordnete keine neuen Lockdowns mehr an. Zudem lockern Spanien, Portugal und Dänemark trotz hoher Infiziertenzahlen die Maßnahmen. In Portugal und Spanien konnte die relativ hohe Impfquote nicht verhindern, dass sich die Menschen massenhaft anstecken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in den nächsten Monaten 50 Prozent der Menschen in Europa die Omikron-Variante bekommen werden. Dann könnte es vielleicht doch noch was mit der Durchseuchung und einer Herdenimmunität werden.

Osteuropabörsen können schon wieder outperformen

Auf die geopolitischen Spannungen, die Zinsängste und die schnelle Ausbreitung der Omikron-Variante reagierten die meisten Weltbörsen in der vergangenen Woche mit Kursverlusten. Nur einige Börsen aus Osteuropa blieben recht stabil. Sieben Börsen aus Osteuropa blieben im Plus und konnten damit den deutschen Leitindex Dax wie schon im Vorjahr klar outperformen. Der Dax rutschte hingegen ins Minus. Besonders schwach reagierten aber die Tech- und IT-Aktien aus den USA auf die Ankündigung der Fed, die Zinsen anzuheben. Dieses Jahr scheinen Value-Aktien mit hoher Ertragskraft mehr gefragt zu sein als Wachstums-Aktien. Schon im vergangenen Jahr kam ein Drittel der am besten performenden Aktienmärkte der Welt aus Osteuropa. Besonders gut behaupten konnten sich bisher zum Jahresbeginn Aktien aus Ungarn und Polen, während russische Aktien aufgrund der politischen Spannungen auch ins Minus rutschten, obwohl die Öl- und Gaspreise weiter anstiegen.

Nordische Pipeline bleibt umstritten und ungeklärt

Ungeklärt ist noch, ob und ab wann die Nordische Pipeline von Gazprom zum Betrieb zugelassen wird. Dies scheitert bisher an dem Veto der Grünen und dem EU-Recht, wonach Transport und Produktion von Gas getrennt sein müssen. Auch die USA wollen die Inbetriebnahme der Pipeline unbedingt verhindern, ebenso wie Polen und die baltischen Länder. Die Gaspreise stiegen zuletzt wieder etwas an, obwohl es bisher einen relativ warmen Winter gibt. Der Brentölpreis stieg binnen eines Monats um fast 10 Prozent auf 86,44 US-Dollar/Barrel, was auch ein neues Jahreshoch war.

Gazprom bleibt ein „Politikum“

Der Kurs von Gazprom gab etwa auf 7,60 Euro nach. Gazprom bleibt ein „Politikum“ und daher chronisch unterbewertet. Wenn sich die Situation mit der Ukraine und den USA aber entspannen sollte, dürften auch russische Aktien wieder aussichtsreich sein. Im vergangenen Jahr stieg der RDX-Index, ein Kunstprodukt der Wiener Börse, um 30 Prozent. Bis Freitag war der RDX-Index allerdings mit 9,6 Prozent im Minus. Noch schwächer tendierten bisher nur die Aktien aus Kasachstan mit einem Minus von 15 Prozent seit Jahresbeginn. Im vergangenen Jahr stieg der Kazakh Traded Index (KTX) hingegen noch um 80 Prozent. Dieses Jahr wird für viele Anleger ohnehin viel schwieriger als das Vorjahr wegen der hohen Risiken.

Ölpreis auf neuem Jahreshoch – Gold tendiert seitwärts

Es lohnt sich dennoch weiterhin ein Blick über den Tellerrand nach Osteuropa. Freilich kann in diesem Jahr Kapitalerhaltung die bessere Strategie sein als Kapitalvermehrung ohne Absicherung. Aber auch Gold könnte dieses Jahr eine Renaissance erfahren und einige knappe Rohstoffe dürften weiter steigen – wie zuletzt Nickel. Der Brentölpreis stieg schon auf ein neues Jahreshoch von über 86 US-Dollar/Barrel. Profitieren könnte davon die kleine kanadische Ölgesellschaft Saturn Oil &Gas, die sehr preiswert, aber auch nachhaltig unter Beachtung der ESG-Normen (ESG steht für Environmental/Umwelt, Social/Soziales, Governance/verantwortungsvolle Unternehmensführung) über 7.000 Barrel/Tag in Kanada produziert. Der Goldpreis gab am Freitag, 14. Januar 2022, etwas nach auf 1.817 US-Dollar/Unze. Nicht von der Stelle kommt auch der Silberpreis mit 22,86 US-Dollar/Unze.

Osteuropa-Aktienmärkte mit guter Performance

Im Baltikum, in Rumänien und der Ukraine gibt es neue Chancen, wobei die jeweiligen Aktienindices 2019 alle im Plus waren. So konnten sich einige ukrainische Agrar-Aktien seit 2016 im Kurs schon mehr als verdoppeln, und 2018 stieg der PFTS-Index schon wieder über 70 Prozent. Die Aktien aus Kasachstan zählten 2017 zu den Top-Performern der Welt (plus 56 Prozent), nicht in den Jahren 2018 und 2019, dafür aber wieder 2020/21.

2018 zählten bereits zehn Aktienmärkte in Osteuropa zu den an den besten performenden Aktienmärkten der Welt, die alle den Dax und auch den US-Aktienmarkt klar outperformen konnten. Die Moskauer Börse war 2019 erneut der klare Outperformer unter allen Weltbörsen mit einem Plus von über 46 Prozent in Euro. Aber auch die Bukarester Börse (Rumänien) stieg schon um über 32 Prozent im Jahr 2019. Die Aktienmärkte in Südosteuropa und auch in den baltischen Ländern blieben sehr stabil im Plus (Kroatien plus 13 Prozent). 2020 zählten sechs Börsen in Osteuropa zu den 30 besten performenden Aktienmärkten der Welt und im letzten Jahr sogar elf Börsen aus Osteuropa.  In diesem Jahr können bereits wieder sechs Börsen in Osteuropa, die alle noch im Plus sind, den Dax klar outperformen. Es lohnt sich also weiterhin nach dem Corona-Crash ein Blick über den Tellerrand nach Osteuropa.

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ZUM AUTOR

Andreas Männicke ist Journalist, Buchautor, Verleger, Börsen-Experte und Berater (mit Spezialisierung auf Osteuropa) – bekannt aus TV- und Radio-Sendungen wie N-TV, N24, DAF, Bloomberg, Deutsche Welle. Mehr Information: www.andreas-maennicke.de und www.eaststock.de

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