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Kolumnen & Glossen

Kolumne „Kann passieren …“ – Kamikatze

Was macht ein Autor, wenn ihm nichts einfällt, worüber er schreiben könnte? Manchmal sitzt er einfach nur so da vor seinem leeren Blatt Papier, starrt Löcher in die Luft und wartet auf eine Eingebung. Eine Situation, die Andreas Ballnus gut bekannt ist. Vorzugsweise tut er dies in seinem Lieblingsbistro in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Es gibt aber auch verschiedene Methoden und Übungen, um Schreibblockaden zu überwinden. Bei einer davon schreibt man einfach drauf los, was einem gerade so durch den Kopf geht – ohne Konzept, roten Faden oder eine Idee, wohin das Ganze führen könnte. Oft kommt dabei ziemlicher Blödsinn heraus, den man nicht weiter verwenden kann. Aber wenn es gut läuft, ist der Kopf anschließend frei für etwas Neues und Brauchbares. Manchmal entsteht aber sogar ein Text, der es wert ist, dass er weiter bearbeitet und dann veröffentlicht wird – so, wie im Falle des aktuellen Beitrags seiner Kolumne.

© Oksana / stock.adobe.com

Da meine Katze gerne in der Nähe des Kamins liegt, nenne ich sie „Kamikatze“.
Diese Art von Humor gefällt mir …
Eigentlich habe ich ja weder Katze noch Kamin – aber als Einstieg für einen neuen Text fand ich diesen Satz irgendwie klasse.

Genaugenommen habe ich gar keine konkrete Idee, worüber ich schreiben will – doch ich spüre den inneren Drang, etwas zu Papier bringen zu müssen. Irgendein Thema über „Gott und die Welt“ sollte es doch geben. Aber bedauerlicherweise kenne ich beide nicht gut genug, um über sie schreiben zu können. Der eine macht mir zu sehr auf geheimnisvoll und die andere lese ich nicht. Manchmal frage ich mich allerdings, ob Gott die Welt, und hier die Erde im Speziellen, überhaupt noch kennt, oder ob er inzwischen nur ein vages Bild aus längst vergangenen Zeiten von ihr hat. Falls er sich jedoch auf dem aktuellen Stand der Dinge befindet, müsste er sich vorkommen, wie ein gutbürgerlicher Vater, dessen Kind Terrorist, Pornodarsteller oder ein auf der Straße hausender Junkie geworden ist.

Aber vielleicht befindet sich ja die Menschheit schon seit ein paar tausend Jahren in einer Art jugendlicher Rebellion. Gemessen an unserer Entwicklungsgeschichte – also von der Zeit an, als unsere Urahnen noch als Einzeller in der Ursuppe dieses Planeten herumschwabbelten – könnte das vielleicht sogar hinhauen. Dann wäre es ganz normal, dass die Kinder rebellieren. Sie haben ein gutes Gespür dafür, genau den richtigen Nerv der Eltern zu treffen. Da wird der Sohn des friedensbewegten Lehrers Zeitsoldat, die Tochter des konservativen Pastors heiratet einen Moslem oder die Kinder des Schlachters möchten sich von heute auf morgen nur noch vegetarisch ernähren. In solchen und ähnlichen Fällen wird die elterliche Liebe schon auf eine sehr harte Probe gestellt – und nicht alle Eltern bestehen sie. Denn irgendwann ist selbst bei den tolerantesten Zeitgenossen Schluss mit lustig. Diese Schmerzgrenze liegt natürlich bei jedem Menschen woanders.

Ich persönlich halte mich zum Beispiel für ziemlich tolerant – was vermutlich viele andere über sich selber auch denken. Außerdem glaube ich, ein hohes Maß an Empathie und Verständnis gegenüber meiner Umwelt aufbringen zu können. So ist mir durchaus bewusst, dass bei gewissen Lebensläufen eigentlich nichts Gutes oder zumindest nur schwer Gewöhnungsbedürftiges herauskommen kann. Dies ist für mich nachvollziehbar, und ich bin in der Lage, die daraus resultierenden manchmal recht merkwürdigen Verhaltensweisen zu tolerieren, selbst dann, wenn es mir manchmal schwer fällt. Daher hege ich auch eine große Bewunderung für Menschen mit derartig schwierigen Biografien, die es schaffen, trotzdem ein normales oder zumindest relativ normales Leben zu führen.

Diese Empathie kann durchaus eine Stärke sein. Sie ist andererseits aber auch extrem hinderlich dabei, wenn es darum geht, anderen gegenüber eine klare Position einzunehmen. Wenn man für alles Verständnis aufbringt, läuft man in Gefahr, die eigenen Grenzen allmählich aufzuweichen, bis sie im schlimmsten Fall nicht mehr sichtbar sind. Daher sage ich mir inzwischen häufiger mal, dass ich in diesem oder jenem Punkt kein Verständnis mehr haben will.

So kann ich beispielsweise durchaus verstehen, dass manche Menschen aus Ärger oder Frust blöde Dinge tun – irgendwelchen Mist einkaufen, sich mit Essen vollstopfen, Kette rauchen, Sendungen wie „Frauentausch“ anschauen und so weiter. Aber wenn sie zu Hause ihre Kinder schlagen oder den Hund treten, geht das deutlich zu weit. Auch dafür könnte ich rein theoretisch Verständnis entwickeln, doch genau dies will ich inzwischen nicht mehr.

Ähnlich sehe ich das übrigens beim Wahlverhalten der Leute. Ich habe absolut Verständnis dafür, dass viele Menschen ihr Vertrauen in die Politiker der etablierten Parteien verloren haben und deshalb nur noch irgendwelche kleinen Splitterparteien wählen. Schwieriger wird es mit meiner Toleranz aber schon, wenn sie gar nicht mehr zur Wahl gehen. Doch dafür, dass sie aus Ärger und Unzufriedenheit Parteien wählen, die für eine inhumane, fremdenfeindliche, undemokratische und asoziale Politik stehen, will ich definitiv kein Verständnis aufbringen. Diese Menschen handeln genauso, wie jene Leute, die aus Frust zu Hause Kind und Hund verprügeln. Aber im Gegensatz zum Verprügeln von Kindern ist ein asoziales Wahlverhalten nicht strafbar – was irgendwie ja auch richtig ist. Trotzdem bleibt es für mich eine schwer zu ertragende Entwicklung.

So, jetzt spüre ich, dass mein Schreibdrang langsam nachlässt. Doch was mache ich nun mit der Kamikatze? Wegen diverser Allergien kommt mir ein Tier nicht ins Haus, und ein Kamin passt eh nicht in meine Wohnung. Vielleicht finde ich ja ein passendes Bild – also „Katze vor Kamin“ – das ich mir hinhängen kann. Wer weiß, was beim nächsten Mal dabei rauskommt, wenn ich über sie schreibe.

 

–Andreas Ballnus —

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ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor.  Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

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Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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