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In Hamburg begegnet: Calle Sibbert bringt auch Menschen mit Handicap das Segeln bei

Erstmals können Menschen mit Mobilitätseinschränkungen bei Käpt’n Prüsse einen Segelkurs auf der Außenalster buchen: Mitinhaber Calle Sibbert hat die Flotte um zwei Segelboote der paralympischen Bootsklasse 2.4mR erweitert und ein barrierearmes Umfeld geschaffen. Ein Angebot nicht nur für Menschen mit Behinderung.

Die Gurlitt-Insel vor dem Ostufer der Außenalster mit der Traditionssegelschule Käpt’n Prüsse und seiner blauen Bootsflotte gehört sicher zu den schönsten Fleckchen in Hamburg. Und so kommt Prüsse-Chef Calle Sibbert immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die nach einem Spaziergang an der Alster davon träumen, hier Segeln zu lernen oder wieder segeln zu können.

Segeln ohne große Kraftanstrengung

Zu diesen Menschen gehörte im Sommer eine Hamburger Ärztin, die beim Gehen Orthesen als Hilfsmittel nutzt. „Sie hatte schon Segelerfahrung und erzählte, dass zum Beispiel der übliche Seitenwechsel für sie kaum zu schaffen sei. Dass es hier eine Bootsklasse gibt, die ihr den Segelsport trotz ihres Handicaps ermöglichen kann, wusste sie noch nicht“, sagt Calle Sibbert. Der passionierte Segler und Segellehrer zeigte ihr die neuen Kielboote vom Typ 2.4mR für Menschen mit und ohne Behinderung. Jetzt ist sie seine Schülerin und entdeckt ihren Sport mit viel Freude ganz neu für sich.

Das Projekt 2.4mR dient zwar im tieferen Sinne der Inklusion, indem Menschen mit Handicap jetzt ohne besondere Vorbereitungen und zu gleichen Preisen wie alle anderen eine Segelstunde buchen können. Doch Calle Sibbert will ausdrücklich eine größere Zielgruppe ansprechen: „Die Boote sind für alle Menschen geeignet, die Segelspaß ohne größere körperliche Anstrengung erleben wollen.“ Er überlege sogar, Anfängern, die sich mit den recht komplexen Abläufen auf einem der üblichen Segelboote schwer tun, einige Stunden im 2.4mR zu empfehlen. Weil es für ihn ein „Jedermann-Boot“ ist, führt der Prüsse-Chef sein neues Projekt denn auch konsequenterweise unter dem Motto „Segeln lernen nicht NUR für Menschen mit Handicap“.

Die seglerische Herausforderung bleibt

Die Form dieser Segelboote erinnert an frühere America’s-Cup-Yachten. Ihre Besonderheit liegt in der speziellen Konstruktion: „Man sitzt in dem Ein-Personen-Boot praktisch wie im Cockpit der Formel 1. Ein mehr als 180 Kilogramm schwerer Bleikiel und einige Auftriebskörper in Bug und Heck sorgen für ausreichende Kentersicherheit“, erklärt Calle Sibbert. „Dadurch wird der Segler von Abläufen entlastet, die ansonsten den vollen Körpereinsatz erfordern.“ Trotzdem bleiben die Boote anspruchsvolle Sportgeräte: „Was den Segeltrimm betrifft, halten die 2.4mR alle Finessen bereit.“ Die Steuerung erfolgt im Cockpit per Fußpedal oder wahlweise per Joystick-Handsteuerung. Im Vordergrund stehen nicht Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer, sondern Geschick, Taktik und seglerisches Feingefühl. Aber auch jenseits der Regattabahnen machen die Boote einfach Spaß!

Segelstunde ohne Aufpreis für jedermann

Bekanntester Segler dieser Klasse ist der Goldmedaillengewinner der Paralympischen Spiele 2000 in Sydney und siebenfache Weltmeister Heiko Kröger. Er ist Schirmherr des Segelschulprojektes seines Freundes Calle Sibbert. Dieser erzählt, wie es angefangen hat: „Uns hat der Gedanke gefallen, dass Menschen mit einer körperlichen Einschränkung bei der Segelschule Käpt’n Prüsse ganz normal einen Segelkurs buchen können – ohne besondere Vorbereitung, ohne selbst organisierte Unterstützung und ohne weiterreichende Verpflichtung. Wichtig war uns auch, dass die Segelstunden nicht mehr und nicht weniger kosten als für alle anderen unserer Segler.“

Lokale Sponsoren unterstützen die Anpassung der Infrastruktur

Weil mit dem Kauf der beiden Boote noch erhebliche Investitionen in die Infrastruktur nötig waren, warb Calle Sibbert um lokale Sponsoren: „Wir sind ein kommerzielles Unternehmen und hätten keinesfalls alles allein stemmen können.“ An einem Donnerstagabend habe er das Vorhaben auf Facebook bekannt gegeben. „Am Freitagmittag hatten wir schon die erste Zusage über eine Summe, mit der wir richtig planen konnten. Das war toll!“ Von den Spenden wurde ein zusätzlicher Steg auf Einstiegshöhe der Boote gebaut, eine Toilette im Prüsse-Café umgebaut, mobile Rampen angeschafft. Die Bäderland Hamburg GmbH hat einen mobilen Lifter als Ein- und Ausstiegshilfe beigesteuert.

Für das Prüsse-Team ist das Projekt noch immer herausfordernd. Schon seit Monaten testen die Segellehrerinnen und -lehrer immer wieder das Handling und die besten Lehrmethoden für den Schüler im Ein-Mann-Boot. Eines steht aber längst fest: Am Ende zählt nicht das Boot, sondern das Erlebnis auf dem Wasser!

(Brigitte Muschiol)


 


 

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