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Danfoss

„Supermärkte können zu Tankstellen der Zukunft werden“

Danfoss stellt die Weichen für die Zukunft – mit ein Grund für das dänische Energietechnik-Unternehmen, sich am neuen Standort in der Hamburger Hafencity zu etablieren. Business-on.de war vor Ort und sprach mit Dirk Leinweber, Vertriebsleiter der Sparte Kältetechnik im Bereich Food Retail, über Zukunftsprojekte.

business-on.de: Am neuen Danfoss-Standort in der Hafencity sind Sie von vielen Kunden umgeben. Welche Danfoss-Technik steckt denn in Ihrem neuen Umfeld?

Dirk Leinweber: Danfoss ist dafür bekannt, sich auf smarte Komponenten zu konzentrieren. In der Hafencity liegt eine unserer Top-Referenzen im Bereich der Fernwärme. In welchen Keller Sie in der Hafencity auch immer gehen, finden Sie Komponenten von Danfoss: Übergabestationen und eine Reihe anderer Produkte, die die Steuerung und Messung von Heizungen ermöglichen. Auch die Elbphilharmonie haben wir mit Fernwärme-Komponenten beliefert.

business-on.de: Danfoss will in der Hafencity wachsen und zum „Hub für Energieeffizienz, Digitalisierung und flexibles Coworking“ entwickeln, heißt es. Welche Strategie verfolgt Ihr Unternehmen am neuen Standort?

Dirk Leinweber: Dieser Standort ist ein neues Angebot von Danfoss zwischen einer Reihe von Standorten. Unser Unternehmenshauptsitz liegt in Nordborg, kurz hinter der dänischen Grenze, die Deutschlandzentrale in Offenbach. Mit Hamburg haben wir das erste richtig große Büro in einer der Top-3-Städte, zu denen auch München und Berlin gehören. Das bedeutet für uns einen unheimlichen Zugewinn an Potenzial im Hinblick auf Fachkräfte.

Danfoss hat sich wie jedes andere Industrieunternehmen der Digitalisierung verschrieben, dafür brauchen wir spezielle Profile. In der Hansestadt sollte es eher leicht fallen, die richtigen Leute zu bekommen. In unserem Einzugsgebiet liegen zahlreiche Universitäten. Wenn wir Leute neu einstellen und für diesen Standort begeistern möchten, dann sind diese Menschen entweder schon in Hamburg oder sie lassen sich oftmals einfacher zu einem Umzug motivieren.

business-on.de: Wenn es um Digitalisierung geht, dann suchen Sie vor allem IT-Spezialisten?

Dirk Leinweber: Ja, wir suchen in der Tat IT-Fachkräfte – Digital Natives, die ganz anders als Ältere mit digitalen Themen groß geworden sind, anders damit umgehen und etablierten Unternehmen wie Danfoss auf die Sprünge helfen können, was an Potenzial vorhanden ist. Beispiel Thema Blockchain: Da gibt es hier viele Konferenzen und Experten, die man eben nicht in jeder Stadt findet.

business-on.de: Inwieweit spielt die Spezialisierung auf Kältetechnik dann noch eine Rolle?

Dirk Leinweber: Im BereichKälte wird unser Unternehmen immer Spezialist sein. Ein Expansionsventil für Kühlanlagen ist das erste Produkt, das Danfoss 1933 auf den Markt gebracht hat. Aber das ist die Krux: Gerade Kältetechnik erfordert eine fundierte Ausbildung. Es findet sich typischerweise kein IT-Profi, der nebenbei noch Kältetechniker ist. Letztlich sind wir hier so etwas wie ein Zentrum, in dem wir unterschiedliches Know-how zusammenbringen wollen: die ‚jungen Wilden‘ aus der IT-Welt treffen auf erfahrene Experten aus der Cooling- oder Heating-Welt. Das ist auch ein Joint-Venture-Thema.

business-on.de: Es heißt häufig, dass Spezialisten in der Kältetechnik schwer zu finden sind. Spüren Sie einen solchen Fachkräftemangel?

Dirk Leinweber: Fachkräftemangel ist in aller Munde. Klar, das ist ein Problem. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, das wir als Danfoss gut aufgestellt sind. Ich nehme die Situation nicht als dramatisch wahr. Ich erkläre mir das so: Wir sind ein Unternehmen mit 27.000 Menschen und deutlich kleiner als unsere Marktbegleiter. Trotzdem können wir auf der Produktebene Paroli bieten. Nebenbei haben wir eine skandinavische Unternehmenskultur mit flachen Hierarchien und sehr direktem Kontakt zu Vorgesetzten. Sie können hier im Haus jeden ansprechen, ohne schief angeguckt zu werden. So glaube ich in Summe, dass wir ein Angebot haben, das für Mitarbeiter attraktiv ist.

business-on.de: Wie innovativ ist Danfoss?

Dirk Leinweber: Wir arbeiten hier zusammen mit Startups in Hamburg und Berlin. Es gibt ein Mitarbeiterprogramm, bei dem Ideen sehr intensiv aufgenommen werden. Die Herausforderung der Digitalisierung: Jeder, der einen Laptop und ein gute Idee hat, kann den Markt aufmischen. Es darf nicht passieren, dass jemand mit einer digitalen Lösung um die Ecke kommt und man als großes Unternehmen feststellt, dass das eigene Geschäftsmodell obsolet geworden ist. Wir verfolgen in verschiedenen Ländern die Entwicklungen und sind in Kontakt mit den Startup-Szenen.

Wir investieren heftig in Forschung und Entwicklung – etwa vier Prozent vom Umsatz. Das hat immer zu Erfolg geführt: mit dem erwähnten Expansionsventil zu Kühlung von Gebäuden und Nahrungsmitteln in den 1930er-Jahren, mit ersten Heizungsthermostaten, mit erster seriellen Fertigung von Frequenz-Umrichtern und jetzt mit dem aktuellen Beispiel: Wir sind globaler Marktführer im Bereich CO2-Kältemittel für Kälteanlagen. C02 ist negativ besetzt, hat aber als natürliches Kältemittel geringe ‚Global warming potention‘ – das Treibhauspotenzial von CO2 liegt bei null bis eins – ein Segen im Vergleich zu anderen Kältemitteln.

Ich gehe von aus, dass wir künftig mit unserem Joint Venture – es geht um unser kombiniertes Energiemanagementsystem – am nächsten großen Ding arbeiten.

business-on.de: Sie sprechen von kombiniertem Energiemanagement. Welchen Trend setzen Sie derzeit in Ihrem Bereich?

Dirk Leinweber: Im Kältebereich schauen wir, wie sich Supermärkte optimieren lassen. Einen Supermarkt kann man sich wie einen riesigen Kühlschrank vorstellen – mit offenen Türen, durch die Kunden hineingehen. Teilweise wird geheizt, damit die Kunden beim Einkauf nicht frieren. Es entsteht Feuchtigkeit. Von zu Hause weiß man, dass der Kühlschrank der Stromfresser ist. Supermärkte haben eine sehr spezielle Situation: hohe Stromkosten und gleichzeitig enormen Margendruck. Sie befinden sich immer mehr auch durch neue Geschäftsmodelle und Onlinehandel in einem hart umkämpften Wettbewerbsumfeld.

Supermarktbetreiber sind also fokussiert auf das Thema Energieeffizienz. Bisher funktioniert das – vereinfacht dargestellt – meist so: Jede einzelne Komponente, die verbaut wird, versucht so effizient wie möglich zu sein. Das heißt, man baut zum Beispiel eine Solaranlage aufs Dach. Dann gibt es ein Kältesystem und ein Heizungssystem, vielleicht Ladestationen, vielleicht wird mit Smart Charging gearbeitet. Unserer Meinung nach macht es sehr viel mehr Sinn, dieses alles digital zu verbinden und das Gesamtsystem zu optimieren, sodass 1+1=3 ergibt. Das versuchen wir mit unserem Partner, dem Photovoltaik- und Solartechnik-Spezialisten SMA, zu etablieren.

business-on.de: In einem Modellsupermarkt in Oldenburg testen Sie diese innovative Form der Energieoptimierung, bei der Sie Know-how für Kühlen, Heizen und Strom gewinnen kombinieren. Wie sieht das aus?

Dirk Leinweber: Der Supermarkt erzeugt Strom für den Eigenbedarf mithilfe einer auf dem Dach installierten Photovoltaikanlage. Über eine Batterie wird überschüssige Sonnenenergie gespeichert. Durch den Einsatz des SMA-Energiemanagement-Systems lässt sich die Kühlung im Supermarkt bedarfsgerecht regulieren. Das Speichersystem kann auch zur Unterstützung des Kältesystems bei Stromausfällen genutzt werden. Geheizt wird über die Abwärme der Kühlung. Wir vernetzen das Energiemanagement-System für die Kühlung mit allen Energieverbrauchern sowie der Speicher- und Ladeinfrastruktur und binden den Supermarkt ins Energiesystem ein. Auf diese kombinierte Weise ist es möglich, Lastspitzen beim Verbrauch auszugleichen und netzschonend zu verschieben.

INTELLIGENTES ENERGIEMANAGEMENT IN SUPERMÄRKTEN
Wind- und Solarenergie sind nicht jederzeit gleichmäßig verfügbar. Um die schwankende Netzeinspeisung eines zunehmend auf Erneuerbaren Energien basierenden Systems auszugleichen, werden Netzdienstleistungen, wie beispielsweise die Bereitstellung von Speicherkapazitäten, benötigt. Diese können Supermärkte liefern, indem sie eigenen Solarstrom produzieren und damit zu Prosumern – Konsument und Produzent – werden, ein intelligentes Energiemanagement implementieren und das große ungenutzte Kapazitätspotenzial ihrer Kälteanlage nutzen.
Die Kälteanlage im Supermarkt kann nicht nur Kühlwaren frisch halten, sondern auch das Energiesystem entlasten. Jedes Kältesystem verfügt über einen Verdichter, der mit einem kleinen Kraftwerk vergleichbar ist. Um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten, ist die Leistung des Verdichters für den wärmsten und den kältesten Tag auszulegen. Dies führt zu möglichen ungenutzten Kapazitäten, die als thermischer Speicher genutzt werden können.
Die ungenutzte Kapazität des Verdichters lässt sich sowohl innerhalb des Supermarkts als auch im Stromsystem nutzen. Quelle: Danfoss

business-on.de: Ist es ein Zukunftsmodell, ein solches Energiemanagement auch mit Service am Kunden zu verbinden?

Dirk Leinweber: Supermärkte sind prädestiniert, die Tankstelle der Zukunft zu werden. Jeder Kunde, der zum Supermarkt fährt, steht dort 20 Minuten oder länger. Gleichzeitig wird die Ladeinfrastruktur für Elektro-Fahrzeuge immer stärker und schneller. Das heißt, in wenigen Jahren lassen sich E-Fahrzeuge vermutlich in der Zeit fast komplett laden. Insofern denke ich, dass für Supermärkte eine neue Rolle entsteht und ein neuer Service am Kunden.

business-on.de: Wie weit sind Supermärkte generell mit solchen Energiethemen?

Dirk Leinweber: Einerseits ist es toll zu sehen, was einige umweltfreundliche Märkte schon machen. Andererseits: Das Gros der Supermärkte ist hier bisher wenig aktiv. Danfoss hat sich auf smarte Komponenten konzentriert, wir wissen, was zusätzlich möglich wäre. Die Technologien sind ja schon in ganz vielen Feldern vorhanden, man muss sie nur einsetzen. Meiner Meinung nach sollte das Thema auch auf politischer, auch auf europäischer Ebene forciert werden.

business-on.de: Vielen Dank für die Einblicke in Ihr Unternehmen.

LESEN SIE MEHR: Am 24. August 2018 stellen wir das New-Work-Konzept von Danfoss vor.

(Das Interview führte Tanja Königshagen)


 


 

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