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Kolumne: Kann passieren ...

Nachklang

Obwohl in der folgenden Geschichte kaum etwas zu geschehen scheint, passiert viel. Es geht um die Liebe zum Augenblick, um Vergänglichkeit, um das Leben und um das, was zurückbleibt. Hier lernen wir unseren Kolumnisten Andreas Ballnus einmal von seiner poetischen Seite kennen.

Das zerfurchte Gesicht des alten Mannes sah aus, als wäre es aus Borke der knorrigen Eiche gefertigt, an deren Stamm gelehnt er saß. Ganz entspannt hatte er seine Beine ausgestreckt, während die gefalteten Hände auf seinem Bauch ruhten. Mit kleinen, wachen Augen schaute er versonnen den eigenen Gedanken nach. Von Zeit zu Zeit bewegten sich tonlos seine Lippen. Er atmete ganz ruhig, und gelegentlich zauberte ein kleines Lächeln weitere Runzeln und Falten in sein Gesicht.

Leichter Wind strich durch die Wipfel der Bäume. Durch das dichte Blätterdach fanden immer wieder einzelne Sonnenstrahlen ihren Weg in den Wald. Sie zeichneten geheimnisvolle Schattenbilder auf den laubbedeckten Boden, und Insekten tanzten verspielt in ihrem Licht. Es war still. Kein fremder Laut störte das Klangspiel des Waldes.

Frische Wärme umhüllte den Alten. Ohne den Blick von seinen Gedanken abzuwenden, griff er nach der kleinen Flöte, die neben ihm lag. Bedächtig führte er sie an den Mund und ließ seine Lippen das Mundstück erkunden. Dann hielt er inne.

Der Wald verstummte nun ganz. Er schien den Atem anzuhalten. Nach einer Weile erhob sich aus der Stille behutsam ein zarter Ton. Sanft entwich er der Flöte und stieg entlang der Sonnenstrahlen zu den Wipfeln der Bäume empor. Von dort breitete er sich aus und durchflutete den Wald. Nur dieser eine Ton war zu hören, leise und sacht gespielt. Erst, als jeder Zweig, jedes Blatt und jeder Krumen Erde von ihm erfüllt war, kehrten die Geräusche des Waldes zurück, stimmten mit ihm ein und nahmen ihn als einen der ihren in sich auf. Doch er war weiterhin deutlich aus all den anderen Klängen des Waldes herauszuhören. Selbst, als der alte Mann die Flöte schon längst abgesetzt und neben sich gelegt hatte, tönte er immer weiter. Der Ton war nun untrennbar mit den Klängen des Waldes verbunden und gehörte dazu, wie auch die Sonnenstrahlen, die Schattenbilder und die tanzenden Insekten.

Die Lippen des alten Mannes bewegten sich nicht mehr. Doch sein Mund zeichnete ein Lächeln unendlichen Glücks in runzlige Haut, und sein Blick war den eigenen Gedanken bis an deren Ziel gefolgt.

(Andreas Ballnus)


 


 

Kurzgeschichte
Alltagsgeschichte
Andreas Ballnus

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