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Kolumne: Kann passieren ...

Helle Fenster

Die Nacht schreibt ihre eigenen Geschichten. Auf viele Menschen übt sie eine große Faszination aus. Doch neben Nachtschwärmern und Nachtarbeitern gibt es auch jene, die ihren Schlaf nicht finden können. Über eine nächtliche Begegnung der besonderen Art berichtet unser Kolumnist Andreas Ballnus.

Es war in einer kalten, klaren Novembernacht, als es an meiner Tür klingelte. Mürrisch warf ich einen Blick auf den kleinen Wecker, der neben meinem Computer stand – es war kurz vor halb Drei. Auch, wenn ich öfters um diese Zeit noch wach bin, so kann ich es trotzdem überhaupt nicht leiden, wenn ich dann gestört werde. Zum Glück kamen solche nächtlichen Belästigungen eher selten vor. Ich atmete einmal tief durch, bevor ich aufstand, zur Wohnungstür ging und öffnete. Im Treppenhaus stand eine junge Frau, vielleicht gerade mal achtzehn Jahre alt. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Unter einer grob gestrickten Wollmütze fielen lange blonde Haare auf die schwarze Stola, die sie sich um die Schultern geworfen hatte. Ihre Füße steckten in einem Paar ausgetretener Hausschuhe. Ich hatte diese Frau noch nie zuvor gesehen.

„Hallo, störe ich sehr? Ich hab gesehen, dass bei dir noch Licht brennt, und da bin ich neugierig geworden und hab mich gefragt, wer da wohl noch um diese Zeit wach ist.“

„Ich ... äh ... ich arbeite. Aber sagen Sie mal, was ... ich meine, wieso ...“

„... wieso ich hier bin?“, fiel sie mir strahlend ins Wort. „Ich sagte doch: Aus purer Neugierde. Ich wohne im Block gegenüber, und wenn ich nachts nicht schlafen kann, setze ich mich oft ans Fenster und schau einfach so in die Nacht hinaus. Und dann sehe ich immer wieder dein helles Fenster. Weißt du, dass es oft das einzige in diesem Haus ist, wo um diese Zeit noch Licht brennt? Ich bin neugierig geworden, und nun bin ich da.“

Während sie sprach, schaute sie an mir vorbei und versuchte ein paar Blicke von meiner Wohnung zu erhaschen. Sie redete sehr schnell, wirkte aber nicht hektisch, höchstens ein wenig aufgeregt.

„Sie scheinen öfters mal Schlafstörungen zu haben“, sagte ich gereizt. „Sagen Sie mal, machen Sie das immer? Ich meine, gehen Sie immer zu dieser Zeit fremde Leute besuchen?“

„Nein“, lachte sie. „Das ist das erste Mal. – Du, ich darf doch reinkommen, nicht wahr? Es ist ziemlich kalt draußen und ich bin etwas durchgefroren.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sie sich an mir vorbei und ging in meine Wohnung.

„Komm mal ans Fenster!“, rief sie gleich darauf aus dem Wohnzimmer. „Ich habe bei mir extra das Licht brennen lassen. Siehst du, da im neunten Stock? Es ist auch das einzige Fenster, wo noch Licht brennt. Du wohnst hier im zwölften, stimmt's? Ich hab lange suchen müssen und die ganze Zeit über Angst gehabt, dass ich die falsche Wohnung erwische. Ich habe immer daran denken müssen, was ich wohl tun würde, wenn da plötzlich jemand im Pyjama und mit verschlafenem, grimmigem Gesicht die Tür öffnen würde. – Du sagtest, du arbeitest. Was machst du?“

In mir brodelte es. Ich ballte einige Male hinter meinem Rücken die Fäuste, um die Beherrschung nicht zu verlieren, und verfluchte mich selber, weil ich mich derart hatte überrumpeln lassen und diese Frau auch jetzt noch weiter gewähren ließ.

„Ich schreibe. Gedichte, Lieder, Geschichten und so was. Aber nun sagen Sie mal ehrlich, finden Sie nicht auch, dass ...“

„Du bist Schriftsteller? Das finde ich ja irre! Darf ich etwas von deinen Sachen lesen? Hast du schon viel veröffentlicht? Müsste ich dich etwa kennen? Das wäre mir dann total peinlich, weißt du. Andererseits wäre das auch wieder echt krass. Würdest du dir mal was von meinen Texten anschauen? Ich schreibe nämlich auch gerne. Am besten kann ich das, wenn ich im Café sitze. Warum arbeitest du eigentlich nachts?“

Ich schaute sie entgeistert an. Dieser jungen Frau schien überhaupt nicht klar zu sein, was für ein Theater sie veranstaltete, und dass sie kurz davor war, bei mir einen Tobsuchtsanfall auszulösen. Doch irgendetwas hielt mich davon ab, sie lautstark aus der Wohnung zu schmeißen. Das, was hier gerade passierte, begann mich langsam in seinen Bann zu ziehen.

„Nachts ist es ruhiger im Haus“, antwortete ich stattdessen und legte besonders viel Betonung auf das Wort ‚ruhiger‘. „Außerdem mag ich die Atmosphäre der Nacht. Dafür schlafe ich bis zum Mittag.“

„Ja, das kenne ich. Ich schlafe auch oft sehr lange, aber nicht weil ich nachts arbeite, sondern weil ich sonst nichts zu tun habe und weil ich nachts oft nicht schlafen kann. Kannst du von dem leben, was du da machst, oder hast du noch einen anderen Job?“

Während sie mit mir sprach, ging sie ganz ungezwungen durch meine Wohnung und sah sich überall um. Dann setzte sie sich an meinen Schreibtisch und blätterte in den dort liegenden Manuskripten.

„Soll das ein Buch werden?“

„Lassen Sie das bitte liegen! Ich mag es nicht, wenn man einfach so in meinen Sachen rumwühlt“, polterte es aus mir heraus.

Sie schaute mich leicht irritiert an, legte das Manuskript auf den Schreibtisch zurück, ging zu meinem Sofa, setzte sich und beobachtete mit einem leichten Lächeln, wie ich sorgsam die Papiere wieder übereinander legte. Meine Gedanken rasten einem aufgeschreckten Vogelschwarm gleich durch meinen Kopf. Nur langsam gelang es mir, sie zumindest ein wenig zu ordnen und zu beruhigen.

„Sie sagten, Sie hätten sonst nichts zu tun. Haben Sie keine Arbeit oder so was?“

„Ich? Ich mache zurzeit gar nichts. Ich hab mal in 'nem Jeansladen gearbeitet, aber das war mir zu öde. Jetzt kriege ich Hartz IV.“

„Hast du ... haben Sie keine Lust, eine Lehre anzufangen?“

„Eine Lehre? Nee, da verdiene ich ja nichts. Ich wohn' doch alleine und muss selber das Geld für Wohnung und Essen zusammen kriegen! – Sag mal, hast du Hunger? Ich kriege nachts öfters mal Hunger. Hast du irgendwelche Sachen da? Ich kann echt gut kochen!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie in meine Küche. Nach ein paar kurzen, aber gründlichen Blicken in meinen Kühlschrank und einige Schränke, begann sie Omeletts zu machen. Dabei redete sie unaufhaltsam weiter. Ich stand währenddessen in der Küchentür, beobachtete sie und kam mir vor, wie der letzte Idiot. Mir war es unbegreiflich, warum ich das alles mit mir machen ließ, und warum ich nicht schon längst einen Schlusspunkt unter diese unwirkliche Situation gesetzt hatte. Diese Frau verhielt sich so, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Sie erzählte von ihrer chronisch kranken Mutter, für die sie zu sorgen hatte; von ihrem Bruder, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war; von ihrem Vater, von dem keiner genau wusste, wo er steckte; von ihrem bisher einzigen Job in dem Jeansladen und von noch so vielen anderen Dingen, die sie erlebt hatte und die mich eigentlich gar nicht interessierten.

„So, fertig!“, unterbrach sie ihren eigenen Redefluss und riss mich aus meinen Gedanken.

Ich hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war. Wir setzten uns an den Küchentisch und aßen. Die Omeletts schmeckten wirklich gut. Doch richtig genießen konnte ich sie nicht, da ich zu sehr damit beschäftigt war, das alles, was hier gerade geschah, zu begreifen und für mich zu sortieren.

So vergingen fast zwei Stunden. Ich kam in dieser Zeit kaum zu Wort. Dann stand sie plötzlich auf und ging aus der Küche.

„Na, dann werde ich jetzt mal wieder gehen. Den Abwasch kriegst du doch selber hin, oder? Tschüs, und schlaf gut!“, rief sie mir noch aus dem Flur zu, bevor sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zog.

Ich blieb völlig verdattert an meinem Küchentisch sitzend zurück. Erst langsam tauchte ich aus den Eindrücken der vergangenen Stunden wieder auf. Nachdenklich ging ich in mein Wohnzimmer. Am Fenster blieb ich stehen und ließ meine Blicke durch die Nacht gleiten. Nach einiger Zeit erlosch das einzige erleuchtete Fenster in dem Haus auf der anderen Straßenseite.

Es fing schon an zu dämmern, als ich wenig später ins Bett ging. Doch es dauerte noch lange, bis ich wirklich eingeschlafen war. Zu sehr kreisten meine Gedanken um diese junge Frau, deren Namen ich noch nicht einmal kannte. Aber ihr Fenster habe ich mir gemerkt. Vielleicht besuche ich sie auch einmal. – Nachts, wenn ihr Fenster das einzige erleuchtete im Block gegenüber ist.

(Andreas Ballnus)


 


 

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