Connect with us

Hi, what are you looking for?

Kolumnen & Glossen

Das Duell

Deutschland galt lange Zeit als Service-Wüste. Inzwischen ist vieles besser geworden – aber nicht überall. Manchen Mitarbeitern fällt es weiterhin schwer, die geforderte Kundenfreundlichkeit an den Tag zu legen. Auf der Basis persönlicher Erfahrungen in einem Supermarkt erzählt unser Autor Andreas Ballnus eine ansonsten fiktive Geschichte, in der sich ein Kunde auf seine sehr spezielle Art und Weise für eine nicht ganz so freundliche Bedienung revanchiert.

Leo_65 / Pixabay.com

Sie war wirklich gut. Nur ein Eingeweihter konnte erkennen, wie sich ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde verfinsterte, als sie mich sah. Ich genoss diesen Moment, so wie jedes Mal, wenn wir uns begegneten. Doch auch dieses Mal verlor sie nicht die Beherrschung und fragte mich ganz professionell und höflich nach meinen Wünschen. Ich wusste, sie hasste mich. Doch bis auf diesen kleinen, kaum wahrnehmbaren Moment, ließ sie es sich nicht anmerken.

Unsere Feindschaft begann vor etwa zwölf Monaten. Damals kam ich aufgrund meiner Arbeitszeit, die häufiger mal bis in den späten Abend hinein reichte, oft erst zwischen einundzwanzig und zweiundzwanzig Uhr zum Einkaufen. Da der Supermarkt bei mir um die Ecke sogar bis Mitternacht geöffnet hatte, konnte ich also noch in aller Ruhe nach Feierabend meine Besorgungen erledigen. Ursprünglich war ich ja gegen die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten gewesen und hatte akribisch darauf geachtet, die Geschäfte nach neunzehn Uhr nicht mehr zu betreten. Doch nach und nach nahm ich die Möglichkeit immer häufiger wahr, auch zu späterer Stunde einzukaufen – besonders freitagabends, denn dadurch hatte ich, im Gegensatz zu früher, am Samstag mehr Zeit für andere Dinge.

So kam es, dass ich vor ungefähr einem Jahr gegen 21.40 Uhr die Käse- und Wursttheke jenes Supermarktes aufsuchte. Mir war damals noch nicht bewusst gewesen, dass dieser Bereich bereits zwei Stunden vor Ladenschluss geschlossen wurde. Daher war sie, also jene Bedienung hinter der Theke, schon dabei, die Waren zu verpacken und wegzuräumen. Die Schneidemaschinen und Messer waren bereits gereinigt worden. Schließlich wollte sie pünktlich Feierabend machen.

„’N Abend! Kann ich noch was bekommen?“, fragte ich damals ganz unbedarft. Sie brummte ein kurzes „Aber ja doch!“, spannte etwas Frischhaltefolie über eine Schale mit Aufschnitt und wandte sich dann mir zu. Ich orderte zunächst ein Stück vom mittelalten Gouda. Da keines der fertig geschnittenen Stücke die richtige Größe hatte, musste sie mit dem schon gereinigten Messer von einem anderen Stück etwas abschneiden und dieses dann neu verpacken. Das war beim Käse schon alles. Weiter ging es mit dem Aufschnitt.

„Zwei Scheiben Roastbeef, bitte.“ Sie zog die Frischhaltefolie von dem Teller, den sie gerade zugedeckt hatte, wieder ab und wollte mir von den dort liegenden Scheiben zwei abzählen. „Könnten Sie mir nicht bitte zwei frische Scheiben abschneiden?“, fragte ich freundlich. „Ich habe die Maschine schon sauber gemacht“, antwortete sie kurz und legte die beiden Scheiben auf die Waage. „Aber diese Scheiben sind schon leicht angetrocknet“, entgegnete ich. „Die schmecken trotzdem!“, brummte sie.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich zwar von ihrem Umgangston nicht gerade begeistert gewesen, hatte aber auch keine Mühe damit gehabt, darüber hinwegzusehen, beziehungsweise, darüber hinwegzuhören. Doch jetzt erwachte der Kampfgeist in mir – und ein kleines Teufelchen. So bestand ich nun erst recht auf zwei frisch abgeschnittene Scheiben. Höchst widerwillig folgte sie nach einem weiteren kurzen Wortgeplänkel meiner eindringlichen Bitte. Danach orderte ich drei Scheiben vom Schweinebraten – frisch geschnitten natürlich. Eigentlich wäre das alles gewesen, doch jetzt bat ich sie noch um zweihundert Gramm Mett. Dieses war von ihr, wie ich kurz zuvor beobachtet hatte, bereits ganz unten in dem Rollwagen verstaut worden, mit dem sie die Ware in den Kühlraum transportieren wollte. Sie schnaubte kurz auf, holte das Mett hervor und reichte es mir kurz darauf wortlos zusammen mit dem übrigen Aufschnitt.

„Oh, entschuldigen Sie“, sagte ich nun betont freundlich. „Da fällt mir ein, dass ich noch 150 Gramm Höhlenkäse bräuchte – in Scheiben, bitte.“ „Die Maschine habe ich auch schon …“ Als sie meinen entschlossenen Blick sah, brach sie ab und wandte sich wortlos dem Käse und der Maschine zu. „War’s das jetzt?“, fauchte sie mir über den Tresen zu. „Für heute ja“, erwiderte ich freundlich und ging in Richtung Kasse. Mein „Schönen Abend noch!“, ließ sie unbeantwortet.

Zu meinen negativen Eigenschaften gehört es, dass ich höchst nachtragend sein kann. Daher kaufe ich seit dem nur noch kleinere Mengen an Aufschnitt ein. So muss ich zwar öfters zum Supermarkt, doch ich habe meine Freude daran. Denn natürlich erscheine ich dort immer erst kurz bevor die Wurst- und Käsetheke geschlossen werden soll, und nur, wenn jene Verkäuferin da ist. Selbstverständlich kaufe ich alles nur in Scheiben – frisch geschnitten, versteht sich. Jedes Mal sind wir beide darum bemüht, so zu tun, als hätten wir ein normales Verkäufer-Kundenverhältnis. Während wir anfangs noch das eine oder andere Mal aneinander geraten waren, ist sie inzwischen sehr gut darin, sich nichts mehr anmerken zu lassen – bis auf diesen winzigen Augenblick, den aber nur ich wahrnehmen kann.

 

– Andreas Ballnus —

_________________________

ZUM AUTOR

Andreas Ballnus
Jahrgang ’63, Liedermacher und Autor. Außerdem ist er Gründungs- und Redaktionsmitglied der Stadtteilzeitung „BACKSTEIN“. Unter dem Nick „anbas“ hat er in dem Literaturforum „Leselupe.de“ eine Vielzahl seiner Texte veröffentlicht. Er lebt in Hamburg und verdient sein Geld als Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Weitere Informationen: andreasballnus.de.tl

Bildquellen

  • Andreas Ballnus: Sebastian Lindau
  • cheese_1705899_640: Leo_65 / pixabay.com
Anzeige

Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

Anzeige

Weitere Beiträge

Aktuell

Nur zwei von zwölf getesteten Smartphone-Herstellern schnitten bei einem aktuellen Kundenservice-Test mit dem Qualitätsurteil gut ab.

Finanz-News

Das Deutsche Institut für Service-Qualität hat das Online-Banking-Angebot von 15 Filialbanken getestet und erhebliche Unterschiede bei den Konditionen und beim Service festgestellt. Beim Thema...

Aktuell

Wie lässt sich der Kunde in unserer digitalen Zeit begeistern? Das Geheimnis der nachhaltig starken Marken bleibt ihre Beziehung zum Kunden. Was zählt sind...

Aktuell

Der irische Verpackungsspezialist Smurfit Kappa hat in Hamburg ein „Experience Centre“ eröffnet. Unternehmen können diese Umgebung nutzen, um von Anfang an optimalere Verpackungen zu...

Aktuell

Neue Auszeichnungen für die Kayumanis Group: Die exklusiven Villenanlagen in Ubud, Sanur und Nusa Dua belegen wieder Spitzenplätze bei renommierten Preisauszeichnungen. Das Kayumanis Ubud...

Aktuell

Egal wohin Sie auch schauen: Es gibt kein Entrinnen! In den Supermärkten biegen sich die Regale, vollgestopft mit Spekulatius, Lebkuchen, Pfeffernüssen und natürlich den...

Aktuell

Ob Banken oder Versicherungen, Lebensmittelmärkte, Mietwagen- oder Hotelportale: Dienstleistungen und Service zu testen, hat sich das Deutsche Institut für Service-Qualität auf die Fahnen geschrieben....

Aktuell

Ob in der kurzen Mittagspause oder wenn abends die Küche kalt bleiben soll – viele wählen ihre Mahlzeit aus der Speisekarte eines Pizza-Lieferdienstes. Das...

Anzeige