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A. Vincent Schmidt: „Andere Städte haben Sehenswürdigkeiten – Hamburg ist Sehenswürdigkeit“

Ob Stadtführung, Organisation mehrtägiger Hamburg-Programme oder Büro- und Hotelgolf: A. Vincent Schmidt ist in Hamburg stark verankert und begeistert – humorvoll, eloquent und sachkundig – täglich aufs Neue Menschen für seine Stadt. Der 46-Jährige betreibt seit 2006 sein Unternehmen Hamburg-Lotse und wurde mit seinen Angeboten zweimal für den ADAC-Tourismuspreis nominiert. Im Interview mit Business-on.de Hamburg spricht er über „seine“ Stadt.

business-on.de: Sind Sie gebürtiger Hamburger, geborener Hamburger oder Quiddje?

Vincent Schmidt: Vielzitierte Definitionsfrage. Ich bin Quiddje. Aber ich lebe seit über 22 Jahren in Hamburg. Und eine Dame, die als Gast bei (m)einer Moderation einer Stadtrundfahrt dabei war, legte mir im Anschluss die Hand auf die Schulter und sagte: „Nee, nee, min Jung; Quiddje bissu nich; du bissn geborner Hamborger.“ Zur Erklärung: Als „geborener Hamburger“ gilt heute derjenige, der stolz auf Hamburg ist und Hamburg stets mit Stolz verteidigt und vertritt. Früher galten nur Angehörige alteingesessener Familien als „geborene Hamburger“, in die selbst die Einheirat nicht ohne weiteres möglich war. Ein Quiddje hingegen ist ein Zugezogener, bzw. in der Seefahrt eine Landratte.

business-on.de: Hamburg wird gern als die schönste Stadt der Welt bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Vincent Schmidt: Ja, unbedingt. Andere Städte haben Sehenswürdigkeiten – Hamburg IST Sehenswürdigkeit. Aber Hamburg muss aufpassen, seine Seele nicht zu verkaufen. Stadtteile, die wesentlicher Teil dieser Seele sind, fallen der vielzitierten Gentrifizierung zum Opfer. St. Pauli zum Beispiel wird immer mehr zum „Ballermann ohne Strand“. Allerdings ist es schwer, eine Grenze zu ziehen. Wie viel Veränderung ist gut und angebracht; wo beginnt der unangenehme Teil? Das definiert sicher jeder für sich anders.

„Geselligkeit wird in Hamburg niemandem aufgezwungen.“

business-on.de: Was ist für Sie das Besondere an Hamburg?

Vincent Schmidt: Die Verbindung zum Wasser und die Vielseitigkeit – nicht nur an den Hotspots. Gegensätze ziehen sich hier nicht nur an, sie bedingen einander. Hamburg ist generell sehr entspannt … was sich leider auch wandelt. Und der Hamburger als solcher ist weder stur noch kontaktscheu. Aber wenn man allein ein Bierchen trinken gehen möchte, dann kann man das tun, ohne dass einem jemand auf den Schoß springt. Geselligkeit wird hier niemandem aufgezwungen. Es sei denn, man gerät ungeplant in den Schlagermove, aber da gelten eh andere Gesetze.

business-on.de: Was machen Sie beruflich genau?

Vincent Schmidt: Ich habe vor acht Jahren das Unternehmen „Hamburg-Lotse“ gegründet. Das Angebot beinhaltet größtenteils Stadtführungen bzw. Veranstaltungen mit Schwerpunkt Stadtführung. Hierbei genießen Gäste den Service der exklusiven Führungen. Das ist zwar etwas teurer, dafür aber persönlicher, intensiver, unaufdringlicher. Abgesehen von unseren öffentlichen Führungen – Kiez-Vorspiel und Störtebeker-Tour – zitieren wir unsere Gäste nicht an feste Startpunkte. Wir organisieren auch das Drumherum; legen zum Beispiel den Startort so fest, dass es für den Gast Sinn macht und empfehlen, wenn gewünscht, Restaurants für den Abschluss der jeweiligen Führung. Dies ist Teil unserer Dienstleistung, damit der Hamburg-Besuch möglichst effektiv gestaltet werden kann und damit unsere Gäste möglichst viel von Hamburg sehen, erfahren und genießen können.

„Eine Stadtführung muss keine trockene Geschichtsstunde sein.“

business-on.de: Wie unterscheiden sich Ihre Stadtführungen von anderen, was macht sie besonders?

Vincent Schmidt: Eine Stadtführung muss keine trockene Geschichtsstunde sein; wir beweisen, dass es auch anders geht. Und zwar mit langjährig tätigen und ausgebildeten Gästeführern, die das Herz am rechten Fleck haben und gern und gut sabbeln. Jeder Lotse empfiehlt SEIN/IHR Hamburg. Es gibt keine auswendig gelernten Texte und/oder feststehende Touren – mit Ausnahme der Störtebeker-Tour und dem Kiez-Vorspiel. Letztere können – exklusiv gebucht – natürlich auch an Kundenwünsche angepasst werden. Generell gilt: Lautsprecher gibt es bei uns nicht, denn die sind immer ein Zeichen für Massenabfertigung. Wenn wir größere Gruppen – bis 100 Gäste oder mehr – betreuen, dann sorgen wir für ausreichend Kollegen, die mitgehen. Mikro und Lautsprecher macht bei Bussen und Schiffen Sinn; bei Führungen zu Fuß ist das ein Zeichen mangelnder Qualität.

business-on.de: Das heißt, Sie sehen die Angebote anderer kritisch?

Vincent Schmidt: Selbstverständlich nicht alle; es gibt auch ganz tolle Kolleginnen und Kollegen mit tollen Angeboten! Aber leider ist der Begriff „Gästeführer/Stadtführer“ nicht geschützt; jeder kann sich als „Tourguide“ auf die Straße stellen. Was da teilweise erzählt wird, zieht einem die Schuhe aus. Es ist zwar kaum möglich, über eine Stadt wie Hamburg ALLES zu wissen, aber es sind viele als selbsternannte Gästeführer unterwegs, die meinen, das könne jeder. Die meisten erkennt man daran, dass sie nicht nur günstiger sind – sie sind auch billiger … im wahrsten Sinne. Es obliegt ganz dem Gast, ob er die billige Variante wählt. Wir werden auch zukünftig nur ausgebildete/langjährig erfahrene Kollegen einsetzen.

business-on.de: Und was bieten Sie in Richtung Veranstaltungen?

Vincent Schmidt: Unser Angebot wird abgerundet durch Hotel- bzw. Bürogolf, bei dem wir uns – zum Beispiel als Marketingidee, zur Kundenbindung und Kundenbegeisterung – quer durch Hamburger Hotels und Büroetagen putten. Und sogar schon durch eine Kirche. Mitspieler lernen das Haus oder das jeweilige Unternehmen von innen kennen; den Hotels bieten wir damit eine wunderbare Präsentationsplattform. Die Spielweise kommt dem Minigolf ziemlich nahe, ist aber für die meisten Teilnehmer eine neue und mit uns sehr humorvolle Spielart. Darüber hinaus unterstützen wir Hamburger und Gäste natürlich bei jedweder Art von Veranstaltung in Hamburg, chartern Busse und Schiffe, wir buchen Caterer, wir planen und optimieren Zeitabläufe usw. Wir verfügen über ein grandioses (nicht nur) touristisches Netzwerk in Hamburg und verknüpfen gern, was zu einer erfolgreichen Veranstaltung zusammengehört.

business-on.de: Das Hotelgolf-Angebot wurde sogar für den diesjährigen ADAC-Tourismuspreis nominiert …

Vincent Schmidt: Ja, und das bereits zum zweiten Mal in Folge; im Vorjahr war auch unsere Störtebeker-Tour bereits im Finale. Dass es nicht für das berühmte Treppchen gereicht hat, liegt an den grandiosen Mitbewerbern, so mussten wir uns nur dem Miniatur-Wunderland, Hagenbecks Tierpark, dem Chocoversum und dem Team der Hotrod-Citytour geschlagen geben.

„Wer zuerst gibt und dann nimmt oder erhält, ist auf dem richtigen Weg. Wer Kontakte sammelt, der torpediert effektives Netzwerken.“

business-on.de: Wie wichtig ist für Sie berufliches Netzwerken? Wie nutzen Sie es? In welchen Clubs sind Sie?

Vincent Schmidt: Netzwerken ist extrem wichtig. Und man sollte es richtig machen. Wer bei Netzwerken wie Xing, LinkedIn usw. Gruppen angehört, die als „Kontaktmaschine“ nur möglichst viele Verknüpfungen sammeln, der hat – mit Verlaub – nicht begriffen, was Netzwerken bedeutet. Sich eine Meinung bilden, weiterempfehlen, sich und andere informieren. Wer zuerst gibt und dann nimmt oder erhält, ist auf dem richtigen Weg. Wer Kontakte sammelt, der torpediert effektives Netzwerken. Für brancheninterne sowie branchenübergreifende Kontakte freue ich mich sehr, sowohl dem Tourismusverband Hamburg e.V. als auch dem SKÅL Club (internationaler Wirtschaftsclub für Tourismus) anzugehören.

business-on.de: Wie beurteilen Sie die Zukunft Ihrer Branche in der Region?

Vincent Schmidt: Die Zahlen im Tourismus werden in Hamburg weiter steigen; zahlreiche tolle Hotels kommen in den nächsten Jahren hinzu; viele tolle Häuser gibt es schon – ich mag die Tradition. Was meinen Zweig der Branche betrifft: Da – wie gesagt – der Begriff Stadtführer bzw. Gästeführer nicht geschützt ist, wird es wohl immer mehr Anbieter geben. Ich hoffe auf Reglementierung seitens der Tourismusverbände, denn unsere Stadt ist es wert, akkurat präsentiert zu werden. Billiganbieter mit auswendig gelernten Texten schaden sowohl der Stadt als auch unserer Branche.

business-on.de: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Vincent Schmidt: Aktuell ziehe ich mich aus dem operativen Geschäft zurück und beabsichtige, den operativen Teil der Hamburg-Lotsen in andere Hände abzugeben; es wird die Hamburg-Lotsen unter meiner Führung und mit meinem Anspruch weiterhin geben. – Anregungen für Kooperationen, B2B, Office-Sharing usw. sind gern gesehen. Einzelne Führungen werden dann vielleicht mein Hobby… Und ich selbst wäre sehr gern (wieder) an einem der Hamburger (Musical-)Theater beschäftigt. Wir werden sehen. Es hat ja keine Eile; bis alles passt, bleibe ich Lotse in der schönsten Stadt.

business-on.de: Wenn Sie einen Tag lang die Fäden der Stadt ziehen dürften, welche für Sie längst überfällige Entscheidung würden Sie umsetzen?

Vincent Schmidt: Einiges, um dem drohenden Verkehrsinfarkt vorzubeugen. Wir haben nicht zu wenig Parkplätze in Hamburg, sondern zu viele Autos. Zu meinem Wunschprogramm gehören unter anderem Wasser-Taxen auf der Alster sowie kostenfreie Park-and-Ride-Parkplätze. Darüber hinaus: Wohnungsleerstand bekämpfen. Und mein ganz persönlicher Wunsch: Was ich an den Landungsbrücken hören möchte, sind Möwen und Schiffe. Party-Lautsprecher gehören da nicht hin. Gönnt der Stadt auch hin und wieder Ruhe.

business-on.de: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welchen Hamburger würden Sie gern treffen?

Vincent Schmidt: Helmut Schmidt, um diesem tollen Menschen einmal die Hand geben zu dürfen.

business-on.de: Vielen Dank, Herr Schmidt!

(Das Interview führte Tanja Königshagen)


 


 

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