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Kolumne: Kann passieren ...

Das Schicksal ist manchmal ein Arschloch

Stammleserinnen und Stammleser werden es schon bemerkt haben: Hin und wieder schreibt unser Kolumnist Andreas Ballnus Texte, bei denen es sich nicht wirklich um Alltagsgeschichten handelt, sondern eher um Gedanken zu alltäglichen Themen. So ist es auch bei dem folgenden Text. Darüber, ob alles, was einem widerfährt, Zufall ist oder nicht, kann man trefflich streiten. Man kann es aber auch sein lassen und sich dem Thema mit einem leichten Augenzwinkern nähern.

Irgendwie glaube ich ja daran, dass alles, was einem Menschen widerfährt, einen tieferen Sinn hat und der persönlichen Entwicklung dient. Aus diesem Grunde sollten wir dem Schicksal auch stets dankbar sein, wenn es uns neue Herausforderungen in den Weg legt. Schließlich können wir so neue Erfahrungen sammeln und unserer Persönlichkeit die Chance geben, weiter zu wachsen.

Wie gesagt: Diese Gedanken treffen bei mir durchaus auf Sympathie und Akzeptanz. Aber wer zum Henker hat gesagt, dass ich, beziehungsweise meine Persönlichkeit, ständig wachsen will? Und wer hat festgelegt, in welchem Umfang und Tempo dies geschehen soll?

Hardcore-Gläubige werden jetzt von höherer Fügung sprechen und davon, dass es Teil der menschlichen Natur sei, sich ständig weiterzuentwickeln. Außerdem soll sich die Seele ja schon vor ihrer Reinkarnation ausgesucht haben, welche Lernschritte und -inhalte sie in dem jeweiligen Leben abarbeiten will.

Alles schön und gut. Aber wenn dem tatsächlich so ist, muss ich mit meiner Seele mal ein ernstes Wort reden. Denn die Brocken, die mir das Schicksal in den letzten Jahren vor die Füße gekotzt hat, reichen eigentlich für mehrere Leben aus.

Und mir geht es da sogar noch gut. Mein Klagen könnte man durchaus als „Jammern auf hohem Niveau“ bezeichnen – vor allem wenn man sich das Schicksal anderer Menschen anschaut: Flüchtlinge, Opfer von Gewalttaten, schwer Erkrankte und so weiter. Wie bescheuert oder masochistisch muss eine Seele eigentlich sein, wenn sie sich so etwas aussucht?

Wie auch immer, irgendwie reicht es jetzt langsam, finde ich. Lernen ist ja durchaus in Ordnung – aber bitte mit Spaß und Freude. Und ohne diese abartigen Schikanen, für die man dann auch noch dankbar sein soll. Ich jedenfalls halte nichts von dem Ansatz, dass man nur durch Leid etwas lernt. Diese Vorstellung ist inzwischen wirklich total überaltert. Aber das Schicksal verweigert sich komplett einer Anpassung seiner Lehrpläne und Lernmethoden an moderne Konzepte. Es wirft uns weiterhin immer wieder in die Scheiße, damit wir schwimmen lernen.

Sicher, wenn man das Leben als Jauchegrube betrachtet, so stellt es ein interessantes Biotop dar. Immerhin wird die Jauche zum Düngen genutzt – also zur Förderung des Wachstums von neuem Leben. Doch während man um Jauchegruben und gedüngte Felder einen großen Bogen machen kann, holt das Schicksal einen immer wieder ein, um uns in die nächste Dreckskuhle zu werfen. Und wer es trotzdem schafft, sich diesem Spiel ganz oder größtenteils zu verweigern, der – so die Theorie einiger Glaubensrichtungen – darf sich in seinem nächsten Leben mit demselben Mist noch einmal abrackern. Na herzlichen Dank …

Das alles soll dann auch noch zu unserem Besten sein. Denn das Schicksal meint es ja grundsätzlich nur gut mit uns, so sagt man jedenfalls in bestimmten Kreisen. Und selbst dort, wo es nicht so aussieht, soll der von den höheren Mächten Gepeinigte seine Sichtweise ändern, dankbar sein und möglichst noch frohlocken, da der tieferen Sinn sowieso erst später im Rückblick zu erkennen sein wird.

Das mag ja alles so sein, wenn man daran glaubt. Und, wie ich schon sagte, auch ich glaube irgendwie daran, dass diese Gedanken zumindest nicht komplett abwegig sind. Aber ich denke nicht daran, in schwierigen Zeiten ständig mit einem verklärten Dankbarkeitsgrinsen durch die Gegend zu rennen, bedeutungsschwangere Kalendersprüche herunter zu schwafeln, wie zum Beispiel „Wo Schatten ist, ist auch Licht“ oder „Wenn eine Tür zufällt, geht eine andere auf“, und den Mächten, die mich peinigen, dann noch dankbar zu sein. Nein, wer mich quält, und sei es auch nur zu meinem Besten, muss das Feedback abkönnen.

„Also, Schicksal, manchmal bist du ein richtiges Arschloch!“

(Andreas Ballnus)


 


 

Andreas Ballnus
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