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Digitalisierung

Industrie 4.0, Wertschöpfung 0.4?

Seit geraumer Zeit geistert durch Politik, Presse, Web-Foren und Vorstands-Meetings der Begriff „Industrie 4.0“. Damit dieses gut gemeinte Leitbild nicht den einsamen Tod der allermeisten Buzzwords seit Erfindung des Internets sterben muss, sind tatsächlich nun langsam direkte Maßnahmen erforderlich, damit sich die deutsche Wirtschaft nicht endgültig abhängen lässt, sich in gewohnte Aufschieberitis flüchtet oder in Selbstmitleid verfällt. Ein Gastbeitrag von Joachim Hädel.

Mit den zugrundeliegenden Paradigmen, den notwendigen Umstrukturierungen und Zukunftsaussichten möchte ich mich in dieser vierteiligen Artikel-Serie in business-on.de befassen. Lassen Sie uns zunächst auf die aktuelle Situation und die Erwartungen der Politiker, Unternehmer und Bürger eingehen.

Entwarnung? Fehlanzeige!

Lassen Sie sich als Mittelständler nicht von der Formulierung „Industrie 4.0“ täuschen. Sie sind nicht aus dem Schneider, weil es sich nur vordergründig um industrielle Produktionsweisen handeln könnte. Die Großkonzerne haben ihre Hausaufgaben zwar noch lange nicht zur Zufriedenheit erledigt, aber immerhin schon eine Seite im Hausaufgabenheft aufgeschlagen. Von dieser Phase sind leider die meisten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) noch sehr weit entfernt. Berufen Sie sich auch bitte nicht auf bevorstehende Generationenwechsel in Ihrer Firma. „Jung“ bedeutet nicht zwangsläufig auch „digital gut vorbereitet“. Wenn Sie nicht selbst jetzt schon die entsprechenden Impulse geben, werden Ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger viel mehr zu kämpfen haben, um Ihr Unternehmen in die Zukunft bringen zu können.

Die vierte industrielle Revolution wird nicht weniger umfassend und tiefgreifend ablaufen als ihre drei Vorgänger. Das allgemeine Desinteresse der Bevölkerung an dieser Entwicklung beruht auf der Hoffnung, dass man ja immer noch in einem Wohlfahrtsstaat lebe, es eine (wenn auch minimale) Existenzsicherung gäbe und die Zeiten der blutigen Revolutionen vorbei seien. Man ruht sich auf der momentanen Vollbeschäftigung aus und prokrastiniert weiter bis zum absehbaren Renteneintrittsalter. Wenn die Industrie 4.0 wirklich so wichtig wäre, würde sich die Politik beizeiten schon darum kümmern.

„Dann sollen Sie Kuchen essen!“

Leider wird es so nicht funktionieren. Die aktuelle Wirtschaftslage bietet zwar eine ganz gute Grundlage, den Paradigmenwechsel etwas weniger einschneidend anzugehen und umzusetzen, sie ist aber bestimmt kein Ruhekissen, auf dem man sich ausruhen kann. Im Gegenteil. Die geringe Arbeitslosenquote beruht hauptsächlich darauf, dass die durch Automatisierung akut gefährdeten Jobs noch immer von Menschen erledigt werden. Trotz der wirtschaftlich guten Lage. Nur durch die unzureichend umgesetzten Notwendigkeiten einer funktionierenden digitalen Wertschöpfungskette wird es auch in fünf Jahren noch sehr viele Berufe geben, die keine oder nur geringe Qualifikation benötigen.

Im Umkehrschluss vermeiden die Politiker es, konkrete Maßnahmen anzustoßen und umzusetzen. Denn die Halbwertszeit der Jobs, die auf jeden Fall der Digitalisierung zum Opfer fallen werden, entspricht ziemlich genau der Länge einer Wahlperiode und der vorher stattfindenden Umschmeichelung der entsprechenden Wählergruppen. Paradoxerweise äußern sie sich aber auch gegenüber den Mahnern einer zukunftsorientierten Digitalisierung begeistert, hilfsbereit und aufgeschlossen. Denn auch diese Mahner sind Wähler.

Aber Lächeln in alle Richtungen auf Politikerseite und unverhohlener Zynismus auf der Expertenseite helfen hier nicht mehr.

Entweder. Oder was?

In dieser Zwickmühle kann es keinen „schönen“ Kompromiss geben. Die Digitalisierung ist nicht mehr aufzuhalten, wir können nur noch über den Grad der aktiven Mitgestaltung an einer möglichst schmerzfreien Übergangsphase entscheiden. Zwangsläufig wird es sehr viele Berufsgruppen in naher Zukunft einfach nicht mehr geben. Dabei handelt es sich eben nicht nur um die sehr offensichtlichen Aufgabenfelder, sondern auch um Führungspositionen im unteren und mittleren Management. Es gilt also nicht nur, neue Jobs zu schaffen, sondern die gesamte Struktur der gesellschaftlichen Aufgabenteilung, Beschäftigung, Sinngebung und Wertschöpfung neu zu gestalten. Denn selbst die abstrusesten Job-Kreationen aller Science-Fiction-Autoren der Vergangenheit werden einfach nicht mehr so viele Menschen wie bisher in Arbeit bringen können.

Welche Wertschöpfung sorgt dann dafür, dass der Anteil der Menschen, die einfach nicht mehr produktiv beschäftigt werden können, existenzsichernd versorgt und bei Laune gehalten werden? Selbst jetzt ist jedem Ein-Euro-Jobber vollkommen klar, dass er keinen ehrlichen und angemessenen Lohn für seine Tätigkeit erhält, sondern einfach nur davon abgehalten wird, in absolute Depression zu verfallen oder gegen das System aufzubegehren.

Entsprechend muss dann eine neue Verbindung zwischen Produktion, Dienstleistung und globaler Wettbewerbsfähigkeit einerseits und wertschätzender, sinnstiftender Entlohnung der Bürger andererseits gefunden werden. Eine „Maschinensteuer“ wäre nur eine Übergangslösung, die nichts zu einer notwendigen Neustrukturierung der Gesellschaft beitragen kann, außer die auftretenden Härten in der Übergangsphase abzumildern.

Zu früh gefreut!

Zur Verharmlosung der Thematik tragen auch Ereignisse bei, die bei vielen Skeptikern der digitalen Transformation als gegenteilige Signale gewertet werden, wie zum Beispiel das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) bezüglich des Rechts auf Löschung von Google-Einträgen: Erstaunlicherweise schossen nicht nur die Stellenanzeigen der Rechtsanwaltskanzleien auf der Suche nach Aushilfen bei der Durchsetzung des digitalen Vergessens für ihre Mandanten in die Höhe. Hurra-Rufe aufgrund der von Google massenhaft und panisch eingestellten Mitarbeiter, die daraufhin händisch Löschanträge bearbeiten und umsetzen, weisen leider in die falsche Richtung. Nur weil momentan noch keine sinnvolle automatisierte Lösung für dieses Problem gefunden wurde, bedeutet nicht, dass langfristig durch diese oder ähnliche Aufgaben so viele Jobs entstehen, dass die gesellschaftliche Diskussion und wirtschaftliche Revolution abgesagt werden können.

Evolutionäre Revolution oder revolutionäre Evolution?

Neben einer klaren Richtungsvorgabe durch Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften bedarf es eines pragmatischen Übergangs-Konzepts. Andernfalls führt die vierte industrielle Revolution auch zu einer gesellschaftlichen und sozialen Revolution, deren üblichen Auswirkungen wir sehr gut in der Vergangenheit beobachten konnten und daher nicht im Einzelnen ausgeschmückt werden müssen.

Konstruktiv könnte sich eine Erweiterung der allgemeinen Wertschöpfungshorizonte auswirken. Auch wenn man weiß, dass man auf einem sterbenden Pferd durch die Wüste galoppiert, bringt es einen vielleicht noch zur nächsten Wasserstelle. Lesen Sie dazu mehr in meinem nächsten Business-on.de-Artikel.

(Joachim Hädel)


 


 

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1 Kommentar

von Anders
19.10.16 13:47 Uhr
Alles schon vorbestimmt

Die Aspekte sind interessant und sicherlich wichtig. Auch die Haltung der Politik, die mehr auf Wahlen als auf das Wohl der Gesellschaft ausgerichtet ist, ist in der Realität genau so zu finden.
ABER:
Für mich klingt der Artikel doch schon sehr endgültig. Die digitale Revolution kommt. Und sie wird sich auf den Arbeitsmarkt auswirken, so dass es immer mehr Verlierer gibt, die maximal noch vor der Depression ihrer Sinnlosigkeit geschützt werden kann.
Wer die Artikel in diesem BusinessOn liest, wird vermutlich glauben, nicht zu diesen Verlierern zu gehören. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mir fehlen die Unternehmen, die das Thema angehen und die Digitalisierung so gestalten, dass wir keine Verlierer vor einer Depression schützen müssen.

 

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