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Kolumne: Kann passieren ...

Das Interview

Wenn Träume wahr werden, können sie sich auch mal zu einem Albtraum entwickeln. Dann kann man eigentlich nur noch versuchen, das Beste daraus zu machen. So ergeht es auch dem Protagonisten der folgenden Geschichte unseres Kolumnisten Andreas Ballnus.

Gelegentlich führe ich Selbstgespräche. So habe ich wenigstens ab und zu mal einen kompetenten Gesprächspartner. Allerdings finden diese Unterhaltungen meist in aller Stille, also in meinen Gedanken, statt. Manche dieser Gespräche sind Interviews. Ich interviewe mich dann selber. Das kann sehr interessant sein und hat mir durchaus schon wichtige Erkenntnisse eingebracht.

Tatsächlich aber ist es einer meiner größten und geheimsten Träume, irgendwann einmal so interessant zu sein, dass man mich in Talkshows einlädt, wo ich dann höchst aufschlussreiche Dinge von mir geben kann. Aus meinen stillen Interview-Übungen weiß ich, dass ich dazu durchaus in der Lage bin. – Mann, was hätte ich nicht alles an intelligenten, auf den Punkt zugespitzten und mit einer Prise Humor versehenen Statements abzugeben. Ja, mich überrascht es immer wieder selber, welche faszinierenden Antworten ich mir zum Teil auf meine Fragen gebe. Daher bin ich inzwischen zu der festen Überzeugung gelangt, dass in mir ein überaus begnadeter Philosoph steckt.

Eines Tages war es dann so weit. In der Fußgängerzone erspähte ich ein Fernsehteam, das Passanten anhielt und befragte. Ich erkannte natürlich sofort die Gelegenheit, hier einmal meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Zwar war es keine Talkshow – aber jeder hat mal klein angefangen.

Also schlenderte ich auf das Fernsehteam zu, um ihm die Chance zu geben, mich für das Interview anzuhalten. Nachdem ich dann das sechste Mal ganz zufällig an ihm vorbeigegangen war, stellte sich mir endlich eine junge attraktive Frau in den Weg und fragte mich, ob sie mir ein paar Fragen stellen dürfe. Dabei wirkte sie übertrieben freundlich und sehr dynamisch. Natürlich durfte sie – auch, wenn ich enttäuscht feststellte, dass hier nicht eine der großen Fernsehanstalten am Werke war, sondern ein Sender, dessen Namen ich in jenem Moment zum ersten Mal hörte.

Diese junge Frau war es dann auch, die mich interviewte. Sie war weiterhin sehr freundlich und unheimlich dynamisch. Gleichzeitig bekam sie einen besonders wichtig wirkenden Gesichtsausdruck. Jetzt wurde es also ernst. Ein wenig aufgeregt war ich schon, aber was sollte nach meiner jahrelangen Vorbereitung schon schief gehen.

„Guten Tag“, begann die, wie ich jetzt feststellen konnte, nicht nur attraktive sondern verdammt gut aussehende Lady, „wir machen heute eine Umfrage zu einem Thema, das die Nation derzeit regelrecht zu spalten droht, und würden Sie gerne um Ihre Meinung bitten.“

Na, das fing ja gut an. Für Fragen, in denen es um die Nation ging, war ich genau der Richtige. Umweltschutz, wachsende Armut, häusliche Gewalt, Flüchtlinge, Kriegseinsätze – egal, ich war auf alles vorbereitet. Da ich auch von meiner äußeren Erscheinung her ein gutes Bild abgeben wollte, stellte ich mich besonders gerade hin und stabilisierte meinen Stand. So war ich gut geerdet und erwartete mit breiter Brust die erste Frage der Reporterin.

„Entschuldigung, würden Sie bitte während des Interviews still stehen bleiben und nicht so unruhig hin- und herwippen“, unterbrach uns der Kameramann und fügte in Richtung meiner Gesprächspartnerin hinzu: „Sorry Silvie, fang doch bitte noch mal an.“

„Kein Problem“, sagte Silvie und lächelte mir aufmunternd zu. Dann stellte sie ihre Frage erneut. Ich blieb, wie befohlen, still stehen und merkte sehr bald, dass ich mich zu gerade hingestellt hatte. Schon jetzt am Anfang des Interviews, begannen mir der Rücken und die durchgedrückten Knie weh zu tun.

„A…aber ge… ge… gerne“, antwortete ich nun auf Silvies Frage, ob sie mich etwas fragen dürfe. Merkwürdig, ich klang nun gar nicht mehr so souverän, wie ich es sonst in den mit mir selbst geführten Interviews immer getan hatte.

„Es geht um Nina Schneiderlein“, fuhr Silvie fort, „die in der letzten Staffel ‚Wer ist Deutschlands Superstar‘ gewonnen hat, und um Steffie Gengelbach, die in der vergangenen Woche Siegerin bei ‚Top Voice Germany‘ geworden ist. Was denken Sie – wer von den beiden ist die bessere Sängerin?“

Silvie schaute mich ernst und eindringlich an. Der Blick hätte auch zu einer Krankenschwester gepasst, die in einer schlechten Arztserie den operierenden Chirurgen fragt: „Wird der Patient überleben?“.

Ich atmete tief durch. Mit dieser weltbewegenden Frage hatte ich nicht gerechnet. Zwar kannte ich die beiden Sendungen vom Namen her, gesehen hatte ich sie noch nie. Lediglich während des Zappens durch die TV-Programme war ich ab und zu kurz bei diesen Shows hängen geblieben und hatte mich dann mit Schaudern schnell durch die weiteren Programme geklickt. Doch schon diese kurzen Sequenzen, die ich gesehen hatte, reichten aus, um am Wert der abendländischen Kultur zu zweifeln und an den Untergang des Römischen Reiches nach einer Phase der schlimmsten Dekadenz zu denken. Diese Sendungen standen in meiner Wertschätzung auf gleicher Höhe mit „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“, „Die Geissens“ und dem Testbild eines Senders, in dem nachts ein Kaminfeuer stundenlang flackerte – wobei ich letzteres noch am erträglichsten fand. Kurz: Ich hatte keine Ahnung, wovon Silvie gerade sprach.

„Also … äh … nun ja …“, stammelte ich, und hielt somit das Niveau meiner ersten Zwei-Wort-Antwort auf dem gleichen Level. „Ich finde … also ich denke … ähm … dass die Bessere gewinnen sollte.“

Puh, den Einstieg in mein erstes Interview hatte ich mir leichter vorgestellt.

„Ja, aber wer ist denn aus Ihrer Sicht die Bessere?“, fragte Silvie freundlich, aber beharrlich nach. Ich merkte, dass ich ins Schwitzen kam. Außerdem hatte ich vom Durchdrücken meiner Knie kaum noch ein Gefühl in den Füßen.

„Nun, beide haben ihre Qualitäten, finde ich.“ Wow, den Satz hatte ich unfallfrei hinbekommen. Langsam kam ich in Schwung. „Mir fällt es schwer, eine von beiden besonders hervorzuheben. Jede hat absolut zu Recht gewonnen – da möchte ich nicht in der Haut der Jury stecken.“

Sieg auf ganzer Linie! Ich hätte Politiker werden sollen. Soeben hatte ich ein überzeugendes Statement zu einer Sache abgegeben, ohne wirklich zu wissen, worum es eigentlich ging.

„Welche Jury?“, fragte Silvie ätzend beharrlich nach.

Nein, ich sollte doch nicht Politiker werden. Die sind deutlich besser im sinnentleerten Herumschwafeln und hätten nicht solch einen Bock geschossen. Natürlich – es ging ja um die Topkandidatinnen von zwei verschiedenen Sendungen. Da gab es keine weitere Jury. Die Jury waren ich und das übrige Volk.

Meine Gedanken liefen Marathon und flehten um eine Pause. Aber ich musste weitermachen. Wie würde jetzt ein Politiker reagieren, um aus dieser Misere herauszukommen? Da – Peng! – ein Geistesblitz. Doch, ich sollte Politiker werden, und zwar ein Spitzen-Politiker!

„Noch gibt es keine Jury“, antwortete ich mit einem freundlichen, aber auch leicht geheimnisvollen Lächeln, „aber meine Fraktion arbeitet bereits an einem entsprechenden Gesetzesentwurf, der genau dies zum Ziel hat.“

Silvie schaute mich entgeistert an. Sie wirkte nicht mehr ganz so dynamisch.

„We… We… Welche Fraktion? Wa… wa… was für ein Gesetz?“, stammelte nun sie.

Ach du Scheiße, jetzt hatte ich mich total verrannt. Mir wurde noch heißer. Ich hatte das Gefühl, dass sich in meinen Schuhen sämtlicher Schweiß sammelte, der mir im Moment den Körper herunterlief. Meine Knie und den Rücken spürte ich dafür gar nicht mehr.

Nachdem ich eine ganze Salve an „… ich …“, „… äh …“ und „… nun ja …“ heruntergestottert hatte, fand ich meine Fassung und somit die Worte wieder.

„Mit Fraktion meine ich jetzt nichts Parteipolitisches“, begann ich langsam und bedächtig, während mich mein Hirn anbrüllte, bloß nicht wieder irgendeinen Blödsinn zu reden, den ich später bereuen würde.

Ich hätte darauf hören sollen. Doch stattdessen redete ich weiter und kam dabei so richtig in Fahrt.

„Sie müssen wissen, dass ich Mitglied im Fanclub ‚Deutsche-Casting-Show-Freunde‘, kurz DCSF genannt, bin“, trompetete ich stolz in das Mikrofon der verdutzten Silvie, „und da gibt es natürlich zu bestimmten Themen auch mal unterschiedliche Meinungen, wodurch sich dann ab und zu auch Fraktionen bilden. Mit Gesetz bezeichnen wir etwas humorvoll konstruktive Vorschläge, welche die einzelnen Sendungen interessanter machen könnten.“

„Das ist ja fantastisch!“, jubelte Silvie. „Können Sie denn schon etwas Genaueres über dieses Gesetz sagen?“ Sie schaute mich dabei verführerisch an, und mein erneuter Schweißausbruch hatte nun ganz andere Gründe.

„Ich denke schon, dass das möglich ist“, erwiderte ich gönnerhaft. „Es geht um die Idee für ein Konzept, wonach die Sieger der einzelnen Casting-Shows in einem eigenen Wettbewerb gegeneinander antreten. Dies könnte dann auch auf internationaler Ebene geschehen.“

Silvie weinte fast vor Freude. Überschwänglich bedankte sie sich für das Gespräch. Wir tauschten dann noch unsere Namen und Kontaktdaten aus, und sie versprach, sich demnächst bei mir zu melden. Mir war allerdings schon zu dem Zeitpunkt klar, dass dies dann keine privaten, sondern nur berufliche Gründe sein würde. Irgendwas schien da nämlich zwischen ihr und dem Kameramann zu laufen.

Und Silvie hielt Wort – wodurch sich mein Leben in den kommenden Tagen und Wochen komplett veränderte. Das Interview mit mir wurde in Ausschnitten auch von den größeren Fernsehanstalten übernommen und erreichte auf YouTube schwindelerregende Quoten. Daraufhin wurde der Sender mit tausenden von Mails und Briefen überschüttet, die Silvie zuverlässig an mich weiterleitete. Alle wollten Mitglied des Fanclubs werden, zu dessen ersten Vorsitzenden ich mich notgedrungen erklären musste. Fieberhaft erarbeitete ich Club-Statuten, Mitgliederlisten und bereitete die formalen Bedingungen für eine offizielle Vereinsgründung vor. Das Schlimmste ist aber, dass ich mir seitdem sämtliche Casting-Shows in voller Länge ansehen muss.

(Andreas Ballnus)


 


 

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