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  • 06.10.2020, 08:20 Uhr
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Aktienmärkte

30 Jahre deutsche Einheit – 30 Jahre Chancen an Osteuropabörsen

Vor 30 Jahren war der Fall der Berliner Mauer wie ein Wunder. Durch Transformation kommunistisch regierter Länder in eine Marktwirtschaft und Demokratie eröffneten sich vor 30 Jahren auch neue Chancen für Osteuropa Anleger an den osteuropäischen Börsen. Jedes Land macht eine andere Entwicklung, aber es lohnte sich damals wie heute, einen Blick über den Tellerand nach Osteuropa zu schauen. Ein Gastbeitrag von Andreas Männicke, Osteuropa-Börsenexperte und Herausgeber Herausgeber von „East Stock Trends“.

Besonders positiv entwickelte sich die Warschauer Börse, die nach der Moskauer Börse die zweitgrößte und zweitliquideste Börse in Osteuropa ist. Insbesondere in Polen und in Usbekistan tun sich jetzt neue Chancen auf – auf jeweils ganz unterschiedliche Weise. Andreas Männicke war einer der ersten Pioniere, der über Chancen an den Osteuropabörsen berichtete und er tut dies auch nach 30 Jahren heute noch voller Begeisterung und Optimismus über die noch vielfach unentdeckten Möglichkeiten als Investor in Osteuropa

Polen ist eine Reise wert

Sven Lorenz – der Betreiber der Seite www.undervalued-shares.com – organisierte vom 16. bis 19. September eine sehr interessante Investorenreise nach Polen (Warschau/Krakau), wo ich mit anderen 30 Teilnehmern auch anwesend war. Ich bereiste zuvor fast alle Länder in Osteuropa und kann nur jedem Anleger empfehlen, ähnliches zu machen. Während die Städte Budapest und Prag oft auch aus touristischen Motiven besucht werden, ist es verwunderlich, dass sich so wenige Deutsche, Österreicher und Schweizer (=DACH) nach Warschau trauen, denn Polens Hauptstadt hat nicht nur eine sehenswerte und lebendige Altstadt, sondern noch sehr viel mehr zu bieten.

Die Zukunft liegt in der gut ausgebildeten Jugend

Als ich das erste Mal vor 30 Jahren in Warschau war, war die Stadt eine einzige Baustelle. Es gab außer dem beeindruckenden Kulturpalast keine Wolkenkratzer. Jetzt sieht die Skyline, wenn man mit dem Flugzeug anfliegt, schon ganz anders aus. Warschau hat es verstanden, das Traditionelle und das Moderne in angenehmer in sehr harmonischer Weise zu verbinden. Warschau ist eine Stadt, die sich sehr dynamisch weitentwickelt. Die Jugend ist sehr gut ausgebildet, gut gekleidet, spricht größtenteils englisch, geht gern auf Partys, ist aber auch zielstrebig und nutzt die Chancen, die sich auf dem Arbeitsmarkt neu auftun.

Das neue Silicon Valley aus Polen verdient mehr Beachtung …

Es gibt es eine Reihe von interessanten Softwareschmieden in Warschau, wo hochmotivierte junge Leute ein positives Arbeitsumfeld finden. So verwundert es (mich) nicht, dass sich auch an der Warschauer Börse im Marktsegment „New Connect“ viele IT- und Software-Unternehmen tummeln. Dies sind überwiegend ehemalige Start-ups, die als kleine, aber schnell wachsende Unternehmen an die Börse Warschau geführt wurden. Die Publizitätsauflagen sind im Marktsegment New Connect nicht so streng (wie keine Quartalsberichte). Daher finden sich jetzt mehr als 300 Wachstumsunternehmen im Marktsegment New Connect, darunter auch einige Softwareschmieden für IT-Lösungen, für Spielentwicklung, aber auch Biotechnologie und Medizintechnikunternehmen. Mein Credo: Das neue Silicon Valley aus Polen verdient mehr Beachtung auch bei westlichen Anlegern!

… und das Marktsegment New Connect an der Warschauer Börse auch!

Zehn Unternehmen davon haben sich auch bei der Investoren-Konferenz von Sven Lorenz in dem wundschönen Hotel Raffles Europejski in Warschau vorgestellt: am ersten Tag unter der Leitung von East Value Research direkt vor Ort und am zweiten Tag unter den Leitung des polnischen Broker IPOPEMA, am zweiten Tag – auch coronabedingt – mit Online-Präsentationen. Es waren Firmen wie der sehr interessante Stammzellenproduzent PDMK (Polski Bank Komorek Macierzystyh, WKN A2AJKP, Börsenwert 164 Millionen Euro), der sogar die Marktführerschaft in Europa anstrebt. Wie auch das IT-Sicherheitsunternehmen Comp Capital Group (Börsenwert 80 Millionen Euro, ISIN PLCCMP0000017), das Softwareunternehmen Live Chat (Börsenwert 520 Millionen Euro, ISIN PLLVTSF00010), der Spieleentwickler für Video und mobile Telefongeräte Playway (Börsenwert 775 Millionen Euro, ISN PLPLAYW00015), das Biotechnologieunternehmen Pure Biologics (Börsenwert 28 Millionen Euro, PLPRBLG00010), das Unternehmen für Laboruntersuchungen Selvita (Börsenwert 169 Millionen Euro, ISIN PLSLVCR00029), der Hersteller radiopharmazeutischer Produkte und IT-Lösungen Synektik Group (Börsenwert 43 Millionen Euro, ISION PLSNKTK00019), der Spieleentwickler Ten Square (Börsenwert 926 Millionen Euro, ISIN PLTSQGM00016) und der Hersteller von Infrarotdetektoren Vigo Systems (Börsenwert 92 Millionen Euro, ISIN PLVIGOS00015).

Das E-Commerce-Unternehmen Allegro kam an die Warschauer Börse

In dem Marktsegment New Connect gab es in den letzten 13 Jahren sehr viele Börsengänge (IPO). Zu der Zeit, als ich in Polen war, wurde gerade das schnell wachsende E-Commerce-Unternehmen Allegro mit einer Börsenwert von circa 10 Milliarden Euro an die Warschauer Börse gebracht. Das Unternehmen konnte durch den IPO 2,7 Milliarden Euro in die eigene Kasse spülen. Allegro ist das größte E-Commerce-Unternehmen in Polen, das nun – ähnlich wie Amazon – auch coronabedingt sehr schnell wächst, da auch in Polen sehr viel mehr online gekauft wird als in stationären Läden. Damit zählt Allegro jetzt auch zu den marktschwersten Titeln in Polen. Unter den Standardwerten gefällt mir nach der Korrektur besonders das Softwareunternehmen Asseco Poland (WKN 914,744, Kurs 14,9 Euro, Börsenwert 1,24 Milliarden Euro) und der Silber-und Kupferproduzent KGHM Polska Miedz (WKN 908063, Kurs 24,68 Euro, Börsenwert 4,94 Milliarden Euro).

Zweite Corona-Welle und US-Präsidentschaftswahl beeinflussen Börsengeschehen

In Polen gab es bisher „nur“ etwas über 100.000 Corona-Infizierte und 2600 Tote in Verbindung mit Corona, was vergleichsweise in Europa relativ wenige sind. Da nun eine zweite Pandemiewelle auch in Polen droht mit erstmals über 2.400 infizierten Personen – und nun auch überraschend sogar der US-Präsident Donald Trump auf das Coronavirus positiv getestet wurde, ist an der Böse Vorsicht angebracht. Nun kann Trump für zwei Wochen nur einen virtuellen Wahlkampf führen, den sein Herausforderer Joe Biden zuvor nur geführt hatte.

Falls Trump die US-Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 verlieren sollte, dürfte es einen starken Dämpfer für die Weltbörsen geben. Ob Trump im Fall einer Wahlniederlage freiwillig das Weiße Haus räumen wird, ist unklar. Im „Worst case“ droht sogar dann ein Bürgerkrieg in den USA, denn seine harten Fans aus dem rechten Lager sind schwer bewaffnet. Auch ist möglich, dass Trump den Wahltermin verschieben will.

Auf der anderen Seite ist zu erwarten, dass es noch in diesem Jahr einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben wird. Das könnte die Börse beflügeln. Der erste, sehr umstrittene Impfstoff aus Russland wird nun auch in Indien stark nachgefragt, wo es schon mehr als 6,5 Millionen Infizierte und mehr als 100.000 Tote in Verbindung mit Corona gibt. Jeden Tag kommen über 70.000 Neuinfizierte in Indien, und auch in den USA immer noch fast 50.000 hinzu. Vor einem zweiten Lockdown haben alle Anleger Angst – aber er wird wohl nicht kommen. Trump jedenfalls will ihn unter allen Umständen vermeiden.

Schwacher Ölpreis und der Fall Nawalny belasten die Moskauer Börse

Die Moskauer Börse litt am Freitag, 2. Oktober 2020, unter dem schwachen Brentölpreis, der um über 4 Prozent wieder auf unter 40 US-Dollar/Barrel einbrach und dem äußerst schwachen Rubel, der um 2 Prozent auf das neuen Jahrestief von 92,0 Euro/Rubel nachgab. Der RTS-Index fiel am Freitag um 2,25 Prozent auf 1.148 Indexpunkte. Es drohen zudem neue Sanktionen gegen Russland wegen der Vergiftung des oppositionellen Rechtsanwalts Alexej Nawalny. So könnte die Europäische Union einen Baustopp für den Bau der Pipeline Nord Stream 2 verhängen, worunter besonders der Kurs von Gazprom leiden würde. Der Kurs von Gazprom halbierte sich schon fast seit dem Hoch von 7,2 auf 3,6 Euro. Neues Ungemach droht zudem, falls sich Russlands Präsident Putin militärisch in Belarus zur Unterstützung des dort (noch) amtierenden Präsidenten Lukaschenko einsetzen sollte.

Aber gerade nach starken Kursverlusten ergeben sich immer wieder neue Chancen an den Osteuropabörsen. Auch jetzt zählen schon sieben Börsen in Osteuropa zu den am besten performenden Aktienmärkten der Welt. Insbesondere die Börsen im Baltikum und in Südosteuropa erweisen sich als relativ krisenresistent und stabil.

Auch Outperformance-Chancen in Russland im IT- und Goldsektor

Der russische Aktienmarkt litt zwar unter dem schwachen Ölpreis und ist daher noch kräftig mit über 30 Prozent im Minus. Doch auch dort konnten Tech-Aktien wie Yandex und Mail.ru deutlich outperformen, wie auch Goldaktien. So war es richtig, dass ich Ende 2018 ein Muster-Depot nur mit russischen Gold/Silberaktien aufgemacht habe und diese seitdem im Durchschnitt schon um 115 Prozent gestiegen ist. Mein Favorit Petropavlovsk konnte seitdem sogar um 400 Prozent ansteigen. Und auch Polyus Gold, der zu den Top-10-Goldproduzenten der Welt zählt, stieg um über 120 Prozent und ist immer noch unterbewertet. Es lohnt sich also weiterhin ein Blick über den Tellerrand nach Osteuropa! Mein Mott bleibt daher: Go East – in der Corona-Krise liegt die Chance!

(Andreas Männicke)


 


 

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