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Kolumne: Kann passieren ...

Protokoll einer Misshandlung

Es gibt nicht nur das Kind im Manne. Jeder von uns hat sein inneres Kind. Dieses benötigt Aufmerksamkeit und Fürsorge. Das kann jedoch manchmal sehr schwierig sein, wie unser Kolumnist Andreas Ballnus zu berichten weiß.

6:30 Uhr
Wir stehen gemeinsam auf. Es ist nicht unsere Zeit – da sind wir uns einig. Bis zum Verlassen der Wohnung beschäftigt sich jeder mit seinem Kram. Die Müdigkeit ist zu groß, um mehr als das Nötigste miteinander zu besprechen. Wie jeden Morgen fängt mein inneres Kind zu trödeln an. Ich lasse ihm die Zeit, die es braucht.

8:30 Uhr
Sind im Büro angekommen. Ich mache mir einen Kaffee. Das Kind ist mies drauf. Es würde gerne ein wenig am Computer spielen. Aber ich muss arbeiten, es gibt wirklich viel zu tun. Ich erkläre das dem Kleinen, doch er hört nur mit halbem Ohr zu. Ich ahne Böses.

9:12 Uhr
Der Kleine hat mich nun schon wiederholt gefragt, wie lange ich denn heute noch arbeiten muss. Nach dem sechsten Mal habe ich aufgehört zu antworten.

9:31 Uhr
Nachdem es sich eine Zeitlang alleine beschäftigt hat, spielt das Kind nun seit zehn Minuten mit mir „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Es sind immer Dinge, die draußen, also auf der anderen Seite des Fensters, zu finden sind. Dort ist herrliches Wetter, und ich muss arbeiten. Ich sage dem Kind, dass es endlich still sein soll.

9:48 Uhr
Das kleine Monster will immer noch spielen. Ständig kommt es mit irgendetwas anderem an. Zwischen zwei Telefonaten erkläre ich ihm im scharfen Ton, dass ich wirklich keine Zeit habe.

9:52 Uhr
Dieses Monsterkind lässt nicht locker. Ich ignoriere es.

10:18 Uhr
Mein Gott, dieses Kind! Es wird jetzt richtig quengelig. Ich sage ihm noch einmal sehr deutlich, dass ich keine Zeit habe und dass mir sein Genöle mächtig auf den Zeiger geht. Es schmollt. Ich spüre es genau. Diese Nervensäge!

10:45
Der Kleine scheint es kapiert zu haben. Fast eine halbe Stunde lang konnte ich nun in Ruhe arbeiten. Ich weiß ja, wie schwer es für ihn ist, so lange still zu halten.

10:47 Uhr
Jetzt fängt er wieder an zu fragen, wie lange ich noch arbeiten muss. Ich erkläre ihm, wie die Zeiger auf der Uhr stehen müssen, damit ich Feierabend machen kann.

10:48 Uhr
Der Kleine will wissen, wie eine Uhr funktioniert. Ich google nach Schaubildern. Doch dann fällt mir meine Arbeit wieder ein, und ich vertröste ihn auf später.

10:56 Uhr
Das Gör fängt wieder mit seiner Nörgelei an. Ich atme tief durch und konzentriere mich auf die Abrechnungen. Aber es lässt nicht locker. Mein Blick wird starr. Vor meinem inneren Auge wetze ich Messer.

10:59 Uhr
Das Gör mault und fängt an Blödsinn zu machen. Ich schnauze eine Kollegin an, die mich etwas fragen will. Entschuldige mich sofort. Drohe dem Kind mit Stubenarrest.

11:10 Uhr
Der Balg nervt mich mit dummen Fragen, quasselt ständig auf mich ein – auch, wenn ich gerade telefoniere. Ich brülle wütend auf. Mein Chef schaut irritiert ins Büro. Meinen Beteuerungen, dass alles in Ordnung sei, scheint er nicht wirklich Glauben zu schenken. Spüre, dass mein Kiefergelenk total verspannt ist.

11:16 Uhr
Jetzt fängt diese Blage auch noch zu heulen an. Ich habe Kopfschmerzen. Merke, dass ich Fehler gemacht habe und die Hälfte meiner Arbeit für den Reißwolf ist. Kann mich nur mühsam beherrschen, dem Quälgeist keine zu scheuern.

11:23 Uhr
Das Aas schreit und stampft mit den Füßen. Ich raste aus, schlage wild um mich, trete den Papierkorb durchs Büro. Mir ist übel, mein Kopf scheint zu explodieren.

11:29 Uhr
Mein Chef schickt mich nach Hause. Er meint, ich bräuchte nicht so schnell wiederzkommen, sondern soll mich gründlich erholen.

Seit 11:35 Uhr
Das Miststück von Kind singt nun schon während des gesamten Heimwegs „Hänschen klein ging allein“. – Zu Hause werde ich es mit Bier vergiften.

(Andreas Ballnus)


 


 

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