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Kompetenzzirkel

„Nordeuropa ist erheblichen tektonischen Verschiebungen ausgesetzt“

Disruptiv ist eines der markantesten Adjektive, um den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu beschreiben. Digitalisierung, Arbeitswelt 4.0, demographischer Wandel und Fachkräftemangel beschäftigen uns bereits stark, künftige Auswirkungen sind nur ansatzweise zu prognostizieren. Der Circle of Competence thematisiert diese Herausforderungen und berät Unternehmen. Mit dem Initiator Joachim Hädel hat business-on.de gesprochen.

Wir alle müssen uns in einer zunehmend vernetzten Welt zurechtfinden und bewähren. Vor der digitalen Revolution und dem Internet der Dinge, bei dem die reale und virtuelle Welt zusammenwachsen, kann sich niemand mehr verschließen – im Privaten reicht die Digitalisierung von Smartphone bis zum intelligent vernetzen Haus, in der Wirtschaft von Cloud Computing, Big Data bis hin zu 3D-Druck. Konzerne wie auch kleine und mittelständische Unternehmen müssen umdenken, Betriebsabläufe anpassen und neue Formen des Arbeitens und Projektarbeit schaffen, Produkte und Leistungen zukunftsfähig machen.

business-on.de: Herr Hädel, Sie sagen, alle Länder Nordeuropas seien tektonischen Verschiebungen ausgesetzt, die die Fundamente ihrer Gesellschaften in Frage stellen. Worauf beziehen Sie diese Veränderungen?

Joachim Hädel: Es sind vor allem fünf Themenkomplexe, die sich seit Jahren abzeichnen und jetzt bereits zu deutlichen Herausforderungen führen: Da ist zum einen die Alterung der Gesellschaft. Bis zum Jahr 2033 werden die letzten geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Derzeit klagen bereits viele Branchen über Fachkräftemangel. Zweitens wird die Ausprägung und Verfestigung eines Prekariats mit anhaltender Arbeitslosigkeit, fehlender sozialer Absicherung und wenig beruflichen Aufstiegschancen. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Das schafft gesellschaftlichen Sprengstoff. Als dritten Punkt sehe ich die zunehmende Mobilität der professionellen Eliten. Wir müssen es schaffen, kluge Köpfe im Land zu halten bzw. auch für unser Land zu gewinnen. Viertens erleben wir gerade eine riesige Armuts- und katastrophengetriebene Einwanderung. Die Integration ist Herausforderung und Chance zugleich. Fünftens sind es die Massen an Daten im Internet. Wie gehe ich damit um? Das sind die künftigen technologischen Meilensteine.

business-on.de: Sie kommen aus dem IT-Konzernbereich und begleiten die Technologisierung von Gesellschaft und Wirtschaft seit vielen Jahren. Wie sieht Ihr Ansatz aus, sich diesen Herausforderungen zu stellen?

Joachim Hädel: Auf übergeordneter politisch-wirtschaftlich-gesellschaftlicher Ebene ist es wichtig, diese Veränderungen in unserem Land zu untersuchen und gegen die großen, globalen Herausforderungen zu spiegeln: Was bedeutet die Alterung der Gesellschaft für die Marktdurchsetzung innovativer Technologien und die Entwicklung einer umweltfreundlichen Energielandschaft? Welche Auswirkungen haben die gesellschaftlichen Verschiebungen etwa auf die Entwicklung ressourcensparender Lebensstile?

Wir müssen uns dem immer globaleren Wettbewerb stellen und dürfen unseren Beitrag zur Lösung der drängenden globalen Probleme nicht schuldig bleiben. Dabei gilt: Die wichtigsten globalen Lösungsbeiträge werden erst morgen und übermorgen zu leisten sein. Sie lassen sich nicht entwickeln ohne Rücksicht auf die Gesellschaften, die sie leisten sollen.

business-on.de: Was ist zu tun?

Joachim Hädel: Wir brauchen einen stärkeren Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Politik, Medien, Verwaltung und Kultur. Mit dem flammenden Appell ‚Wir müssen jeden Pfennig, den wir übrig haben, in die Wissenschaft stecken‘ rief der große lndustrielle Carl Duisberg 1920 die deutschen Unternehmen auf, sich gemeinsam für die Universitäten einzusetzen. Damals schlossen sich führende deutsche Unternehmen zu einer weltweit einmaligen Gemeinschaftsaktion zur Förderung der Wissenschaft zusammen. Und was ist knapp hundert Jahre später aus der ldee der Verantwortung der Wirtschaft für die Wissenschaft geworden? Ich meine, dass das Thema insofern weiterhin aktuell ist, als das Wissen in den Köpfen der Menschen der wichtigste Rohstoff für unser Land ist. Spitzenleistungen in Forschung und Entwicklung sind die Voraussetzungen für den Wohlstand unseres Landes.

„Der Dialog muss geistige und geografische Grenzen überwinden“

business-on.de: Sie sprachen den stärkeren Dialog an. Es gibt doch in Deutschland und gerade auch in der Metropolregion Hamburg bereits viele Wirtschaftsverbände, Branchennetzwerke, Wirtschaftsförderung und -entwicklungsgesellschaften, Kompetenz-Cluster, Expertenkommissionen, Fachtagungen …

Joachim Hädel: Das ist richtig. Und doch geht es um Relevanz. In der Tat mangelt es nicht an traditionellen Foren und Kongressen. Prominente Köpfe tragen Bekanntes wohl abgewogen vor. Der Austausch von Ideen zwischen den Teilnehmern ist jedoch oft auf die Pausen beschränkt, das Kommuniqué bereits im Vorfeld auf kleinem gemeinsamem Nenner erstellt. Auch neigen klassische Fachkonferenzen zur Blindheit gegenüber Diskontinuitäten, die ihren Ausgangspunkt außerhalb des jeweiligen Horizontes haben. Aber: Zentrale, gesamtgesellschaftliche Fragestellungen müssen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden und das erforderliche Anpacken und Lösungen finden ist Aufgabe aller, die in der Zivilgesellschaft Führungsverantwortung tragen.

business-on.de: Um sich von oberflächlichem Austausch abzugrenzen, haben Sie den Circle of Competence ins Leben gerufen? Was ist dieser Zirkel genau?

Joachim Hädel: Der Circle of Competence ist tatsächlich anders. Wir möchten dazu beitragen, die professionelle Elite – Experten und Entscheider – in unserem Land zu aktivieren, dass sie sich konkret mit drängenden und zukunftsweisenden Themen befasst. Um Überblick zu gewinnen und um Orientierung zu geben, wollen wir die besten Köpfe aufspüren und verbinden, begeistern und überzeugen. Deren Engagement lässt sich weder befehlen noch kaufen. Aber durch Überzeugung wecken. Der Dialog muss und wird geistige und geografische Grenzen überwinden und eben die schon erwähnten gesellschaftlichen Bereiche interdisziplinär einbeziehen. Damit entstehen neue Chancen für frische Ideen, unkonventionelle Konzepte und interdisziplinäre Wertschöpfungsketten.

Wir sprechen die professionelle Elite an, sind aber kein geschlossener Club. Vielmehr versteht sich der Circle of Competence als informelles Netzwerk und als ‚Thinktank‘. Basis des Kreises sind meine vielen geschäftlichen und persönlichen Verbindungen zu Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen, bis hinein in die Chefetagen großer Konzerne. Ein enges, vertrauensvolles Netzwerk, in dem auch Werte wie Integrität , Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit eine große Rolle spielen.

Persönlichkeiten und Netzwerke entwickeln

business-on.de: Warum sprechen Sie Menschen an, die Führungsverantwortung tragen?

Joachim Hädel: Die Wirtschaft 4.0 wirft zum Beispiel Fragen auf wie diese: Wie muss ein etabliertes Geschäftsmodell verändert werden, um mit der digitalen Transformation am Markt Schritt halten zu können? Oder welchen Wettbewerbsvorteil erreichen Betriebe gerade durch die Digitalisierung? Dabei beschränkt sich die Digitalisierung eben nicht mehr nur auf den IT-Bereich. Vielmehr kommen komplett neue Geschäftsmodelle auf den Markt, online- und mobilbasierte Produktangebote, datengesteuerte Vertriebsstrategien. Oftmals stehen dahinter innovative Startups. Die lassen sich allerdings nur bedingt vergleichen mit Unternehmen, die aus der analogen Welt stammen und eben den Weg zum Internet der Dinge stemmen müssen.

Führung setzt hier voraus, dass wahrscheinliche Ausprägungen der Zukunft verstanden sind. Das brauchen wir. Nur auf dieser Basis lassen sich Handlungsalternativen durchdenken, Entscheidungen treffen und die zu ihrer Durchsetzung notwendigen Ressourcen mobilisieren. Es geht um etablierte und zukünftige Führungskräfte, die Verantwortung für ihre Organisationen und Bereiche tragen bzw. tragen werden. Diese Menschen müssen den Weg bereiten über die nächste Jahreshauptversammlung oder den nächsten Wahltermin hinaus. Ein Rückzug auf die eigene Fachlichkeit ist nicht zulässig. Die Führungskräfte müssen so übergreifend vernetzt sein, dass ihren Einsichten Taten folgen können, die auch jenseits der eigenen Domäne abgestimmt und wirksam sind.

business-on.de: Wie sieht der Austausch über Ihren Circle of Competence konkret aus?

Joachim Hädel: Wir knüpfen und pflegen ein belastbares Netz zwischen Entscheidern verschiedener Branchen und Domänen, um Information und Wissen auszutauschen, um Systemzusammenhänge auszuloten und konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Der Circle of Competence widmet sich zum Beispiel pro Jahr einem herausragenden Thema von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. So beschäftigen wir uns derzeit mit dem Generationswechsel in Unternehmen, ein aktuelles Problem im deutschen Mittelstand ist die Unternehmensnachfolge. Gibt es keinen reibungslosen Generationswechsel, droht Wissens- und Know-how-Verlust, der das ganze Land treffen würde. Da heißt es, nachhaltig gegenzusteuern. Gerade haben wir zu diesem Thema einen Workshop in einem Unternehmerkreis durchgeführt, weitere sollen folgen. Grundsätzlich beraten wir Unternehmen jeder Größe und sind branchenübergreifend aktiv. Besondere Themenschwerpunkte sind zum Beispiel Digitalisierungsprozesse, Industrie 4.0, Big Data, IT-Sicherheit, …

business-on.de: … Worüber wir speziell im zweiten Teil dieses Interviews sprechen wollen. An dieser Stelle erst einmal vielen Dank für das Gespräch, Herr Hädel.

Der zweite Teil des Interviews mit Joachim Hädel erscheint voraussichtlich im Mai 2016.

(Tanja Königshagen)


 


 

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